Institutionen
«Der Kampf gegen die Armut ist nach wie vor relevant»
Nicht nur der «Höngger» feiert dieses Jahr sein 100-Jahr-Jubiläum, auch die Caritas Zürich gehört zu den altehrwürdigen Institutionen mit rundem Geburtstag. Ein Gespräch mit den Höngger Vorstandsmitgliedern Marie-Christine Schindler und Daniel Otth.
28. Mai 2026 — Dagmar Schräder
Die Schweiz ist eines der reichsten Länder der Welt. Hunger leiden muss hier hoffentlich niemand. Doch dass Armut auch hierzulande verbreitet ist, das geht oft vergessen: Rund 16 Prozent der Bevölkerung sind entweder direkt von Armut betroffen oder armutsgefährdet – Tendenz steigend.
Allein im Kanton Zürich sind über 200 000 Menschen bedürftig. Als arm gilt dabei eine Person, deren verfügbares Einkommen unterhalb der definierten Armutsgrenze von 2388 Franken monatlich liegt, oder eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren, die weniger als 4159 Franken pro Monat verdient.
Diese Zahlen stammen von Caritas Zürich. Und seit nunmehr genau hundert Jahren hat sich der gemeinnützige Verein dem Kampf gegen die Armut verschrieben.
Damals, so berichten die beiden Vorstandsmitglieder Marie-Christine Schindler und Daniel Otth aus Höngg, war die Armut in der Stadt allgegenwärtig. Die Industrialisierung forderte ihren Tribut, man befand sich in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Katholiken kamen als Arbeitskräfte aus anderen Kantonen ins reformierte Zürich, das Elend innerhalb der Minderheit war gross.
Dies war der Auslöser, der den damaligen Generalvikar der katholischen Kirche, Alfred Teobaldi, dazu bewog, aktiv zu werden: Er gründete den Caritasverband Zürich. Heute gehört Caritas Zürich zu einem grossen nationalen und internationalen Netzwerk: Innerhalb der Schweiz existieren 16 eigenständige regionale Caritasorganisationen, weltweit sind es über 160 nationale Organisationen, die sich für Armutsbetroffene engagieren.
Für alle Bedürftigen da
Das Engagement hat sich seither ausgeweitet. Längst beschränken sich die Angebote nicht mehr nur auf die katholische Gemeinde, sondern generell auf von Armut betroffene Menschen. Doch die Bindung an die katholische Kirche ist nach wie vor vorhanden.
Einerseits durch die Vorstandsarbeit: Vier der acht Vorstandsmitglieder sind kirchliche Delegierte. Und andererseits durch die Finanzierung, wie Otth erklärt: «Rund ein Viertel der Gelder, der unserer Non-Profit-Organisation zur Verfügung steht, stammt von der Kirche.
Die restlichen drei Viertel stammen aus anderen Quellen – zur Hauptsache aus Leistungsaufträgen des Kantons oder anderer Institutionen, aus Donationen, Spenden und Legaten sowie aus Einnahmen aus den Secondhand-Läden und Caritas-Märkten.»
Und auch die Arbeit der Organisation hat sich verändert. Ging es damals oft um das blanke Überleben, steht heute der Begriff der Teilhabe im Vordergrund – etwa am sozialen und kulturellen Leben oder am Arbeitsmarkt. Diese Teilhabe, so erklären Schindler und Otth, versuche der Verein zu ermöglichen, und zwar weniger durch finanzielle Unterstützung, sondern vielmehr durch Empowerment.
«Dafür haben wir die verschiedensten Kanäle, wie zum Beispiel die Schuldenberatung, die Unterstützung bei der Job- und Wohnungssuche, die Bildungsangebote oder die Vermittlung zur digitalen Teilhabe», so Schindler. Auch die KulturLegi gehört dazu, die nicht nur den Einkauf in den Caritas-Märkten ermöglicht, sondern auch einen vergünstigten Zugang zu Kulturveranstaltungen und Sportangeboten bietet.
Freiwilliges Engagement
Ein Grossteil dieser Arbeit erfolgt durch freiwilliges Engagement: Allein im Kanton Zürich engagieren sich rund 600 Freiwillige bei den verschiedenen Angeboten, unterstützt durch 80 Festangestellte. Auch die Tätigkeit der beiden Vorstandsmitglieder ist ehrenamtlich.
Schindler hat ursprünglich als Mentorin beim Programm «incluso» begonnen: «Mich hat das Profil von Caritas Zürich und der klare Auftrag, den ich hier hatte, überzeugt», berichtet sie. Bei «incluso» habe sie Jugendliche mittels Coaching dabei unterstützt, eine Lehrstelle zu finden: «Wir haben uns wöchentlich getroffen, Bewerbungsunterlagen vorbereitet und Schnupperlehren organisiert.»
Aus zeitlichen Gründen musste sie zwar nach einigen Jahren mit dem Coaching aufhören, die Vorstandsarbeit übt sie jedoch weiterhin aus. Otth seinerseits ist einer der kirchlichen Delegierten des Vorstands: «Ich bin sozusagen von Amtes wegen im Vorstand. Innerhalb der Kirche bin ich Synodalrat der katholischen Körperschaft im Kanton Zürich und zuständig für die Ressorts Soziales und Ökologie. Da gehört Caritas zu meinen Aufgabengebieten.»
Betreuungslücken schliessen
Ein grosses Jubiläum ist auch ein Grund, zurückzublicken und zu analysieren. Was gehört aus Sicht der Höngger Vorstandsmitglieder zu den grössten Erfolgen von Caritas Zürich? «Wir denken, dass es uns gelungen ist, den Wandel mitzumachen», erklären sie. «Die Gesellschaft hat sich in den vergangenen 100 Jahren enorm verändert, doch der Verein hat es geschafft, immer relevant zu bleiben und sein Angebot anzupassen.»
Seine Relevanz zeige sich insbesondere auch darin, dass er im Vergleich zu staatlichen Institutionen viel schneller und fokussierter auf Situationen reagieren könne – vor allem bei Krisen, gesellschaftlichen Verschiebungen oder Betreuungslücken.
So zum Beispiel während der Corona-Pandemie oder gleich nach dem Ausbruch des Ukrainekriegs: Hier konnte Caritas schnell und unbürokratisch Beratungs- und Unterstützungsangebote für Bedürftige auf die Beine stellen.
Wird das Jubiläum in diesem Jahr denn auch noch festlich begangen? Ja, bestätigen die beiden, wenn auch eher bescheiden: «Wir haben uns entschieden, kein grosses Fest zu veranstalten, sondern das Jubiläum eher niederschwellig zu begehen – im Rahmen der Angebote, die wir haben» so Schindler.
Zudem findet sich auf der Website eine fotografische Dokumentation der vergangenen Jahre, die wöchentlich durch ein neues Kapitel ergänzt wird. Und schliesslich hat der Verein einen Jubiläumsfilm produziert, der die Geschichte Revue passieren lässt.





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