Emojis und Co.: Der böse Daumen

Unsere Redaktorin Dagmar Schräder schreibt über die grossen und kleinen Dinge des Lebens. Heute über die ­Tücken von Chat-Gesprächen.

Dagmar Schräder bringt ihre Gedanken aufs Papier. (Foto: dad)

Sprache und die Macht der Worte waren schon in meiner letzten Kolumne mein Thema. Auch heute soll es über Kommunikation gehen, allerdings in einem ganz anderen Rahmen. Und zwar im Zusammenhang mit WhatsApp-Chats. Denn da, so muss ich feststellen, kommt es öfters zu Missverständnissen. Das liegt wohl daran, dass die Gespräche im Chat in einem arg verkürzten und sprachlich, nun ja, etwas verarmten Stil geführt werden. Und was den Chats an Worten fehlt, das wird durch Emojis oder grafische Darstellungen ersetzt.

Vor Kurzem ist mir dabei ein schwerer Fehler passiert. Unabsichtlich, natürlich. Wie so oft hatte nämlich mein Natel für mich mitgedacht und beim Schreiben einer Nachricht die Feststelltaste aktiviert, sodass meine inhaltlich harmlose Nachricht an meine Tochter: «Wann kommst du nach Hause?» in Grossbuchstaben erschien. Mir war das zwar aufgefallen, ich hatte dem aber keine Bedeutung beigemessen.

Bis die Antwort von ihr kam. Die war alles andere als freundlich: «Was schreist du mich so an?», schrieb sie. «Ich bin bald zu Hause, mach mal keinen Stress!», gings erbost weiter. Ich war perplex. Meinte sie mich? Wann hatten wir uns denn gestritten? Mit meiner unschuldigen Nachfrage machte ich die Sache nicht viel besser. Wie konnte man so etwas nicht wissen? Grossbuchstaben schreien! Es folgte ein augenverdrehender Emoji.

Die Sache mit dem Punkt

Mindestens genau so schlimm war mein Vergehen, als ich in einem anderen Gespräch einen Satz mit einem Punkt beendete. Natürlich wieder vollkommen blauäugig. Ein Punkt ist ein Satzzeichen, ein ziemlich essenzielles. Dachte ich zumindest. Aber nicht im Chat. Nein, das war erneut eine äusserst aggressive Form der Kommunikation. Fast so schlimm, wie wenn ich ein Ausrufezeichen verwendet hätte. Ein absolutes No-Go.

Auf der anderen Seite merke ich, wie mir bestimmte Emojis ganz schräg reinkommen. Ich kann es beispielsweise nicht ausstehen, wenn mir jemand diesen «Daumen hoch» schickt. Da krieg ich die Krise! Wenn ich zum Beispiel in einer netten Nachricht frage: «Treffen wir uns morgen um 8 zum Kaffee?», und der oder die sendet mir einen kommentarlosen Daumen, würde ich am liebsten wieder absagen. Das ist für mich ein Beweis von totaler Arroganz: Das Gegenüber hat es offensichtlich nicht nötig, auf meinen Vorschlag mit einem ganzen Satz zu antworten.

Die Rache ist mein

Und weil ich diese Frechheit natürlich nicht einfach auf mir sitzen lassen kann, übe ich jeweils Rache und beantworte mindestens eine der folgenden Nachrichten ebenfalls mit einem behämmerten Daumen. Fühlt sich immens befreiend an, meinen Emotionen mal so richtig freien Lauf zu lassen.

Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass die anderen gar nicht bemerkt haben, wie sehr sie mich gerade mit ihrem Daumen beleidigt haben. Und wie krass ich mich mit demselben Daumen dagegen gewehrt habe. Reagiert hat auf jeden Fall noch nie jemand. Vielleicht muss ich nächstes Mal tatsächlich zu noch radikaleren Massnahmen greifen und mit Grossbuchstaben und Punkten operieren.

DAS WIRKT GARANTIERT.

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