Dagmar schreibt
Dagmar schreibt: Danke, Greg
Unsere Redaktorin Dagmar Schräder schreibt über die grossen und kleinen Dinge des Lebens. Heute über eine Ente, die ihr den letzten Nerv raubt. Oder doch nicht?
1. Februar 2026 — Dagmar Schräder
Ich glaube, es ist mal wieder Zeit für eine kleine Geflügelgeschichte. Schliesslich habe ich schon länger nicht mehr von meinem Hühnerhof berichtet – obwohl es für mich immer eine Wohltat ist, sich mit dem lieben Federvieh zu beschäftigen. Heute also geht es um meinen Erpel Greg. Greg hatte einen schweren Start ins Leben. Denn wie schon einige Monate zuvor bei einem der Hühner lief auch bei seinem Schlupf etwas nicht ganz richtig. Seine Mutter verliess das Gelege verfrüht, Greg musste seine ersten Lebenswochen bei mir zu Hause verbringen. Das lief super, er badete in unserer Badewanne, wurde täglich mit Mehlwürmern und Salat versorgt und wuchs in Windeseile heran.
Bald war der Zeitpunkt gekommen, ihn zurück zu seiner Familie zu bringen. Die Eingewöhnung verlief etwas harzig, denn Greg fühlte sich nicht wirklich als Ente. Eine Zeitlang orientierte er sich an einem einsamen Hahn und lief diesem schnatternd hinterher, mittlerweile hat er sich am Rande der Entengruppe arrangiert, aber so richtig gehört er noch nicht dazu. Macht ja eigentlich nix. Wenn da nur nicht das allabendliche Einstallen wäre, denn über Nacht muss das Geflügel in den Stall. Machen auch alle anstandslos. Alle bis auf Greg. Der kapiert nicht, wo er hin soll. Suchend kurvt er um alle verfügbaren Ställe herum, immer knapp vor dem Eingang, aber Reingehen ist nicht sein Ding.
Zuerst dachte ich, man müsste ihm den Zugang erleichtern. Denn einer der Ställe, in denen er jeweils nächtigt, hat eine Treppe. Und diese zwei Stufen schienen ein Problem zu sein. Also baute ich eine Rampe. Von zwei Seiten kann man nun hindernisfrei in den Stall schlendern. Die Hühner haben das Prinzip auch sofort verstanden. Nicht so Greg. Er hat das Ding zwar mehrmals intensiv betrachtet, aber nix ist. In letzter Sekunde dreht er immer wieder ab.
Dass ich ihm dabei behilflich bin, findet er auch doof. Sobald ich mich nähere, wackelt er davon. Viele Runden bin ich deshalb schon hinter ihm hergewatschelt, mit Vorliebe natürlich dann, wenn es in Strömen regnet. Dieses schöne Ritual dauert mindestens 15 bis 20 Minuten. Während wir beide unseren Tanz um die Ställe vollziehen, wird es meist komplett dunkel. Und Greg, der eine schwarze Ente ist, entschwindet zunehmend meinem Gesichtsfeld. Das wiederum hat Auswirkungen auf meine Geduld. Was bedeutet, dass ich zu fluchen beginne. Alle möglichen Schimpfwörter habe ich der Ente schon an den Kopf geworfen. Das nützt natürlich wenig.
Mehrmals schon war ich auch kurz davor, ihn einfach draussen zu lassen. Doch das geht nicht. Er ist schliesslich mein Baby. Also rutsche ich so lange hinter ihm her, bis er sich endlich unter dem Entenstall niederlässt. Der steht auf Füssen, rund 40 Zentimeter über dem Erdboden. Und dorthin, in die hinterste Ecke, verkriecht sich Greg. Mein Glück, denn ich kann den Ausweg blockieren. Allerdings komme ich nur an ihn dran, wenn ich auch darunter krieche. Das tue ich, jeden einzelnen Abend – das gesamte Universum verfluchend.
Doch wenn ich ihn dann gepackt habe und er sich mit seinen kalten Entenfüssen an meine schlammverschmierte Jacke schmiegt und mich treudoof aus seinen wunderschönen Augen anblickt, dann bin ich wieder mit der Welt versöhnt. Der Greg, der erdet mich einfach. Im allerwahrsten Sinne des Wortes.





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