Dagmar schreibt: Hinterm Horizont

Unsere Redaktorin Dagmar Schräder schreibt über die grossen und kleinen Dinge des Lebens. Heute darüber, wie mächtig Sprache ist. Und wie einschränkend sie sein kann.

Dagmar Schräder bringt ihre Gedanken aufs Papier. (Foto: dad)

Ich lese gerade ein Buch. «Geflochtenes Süssgras», heisst es. Ich bin noch gar nicht weit: Von den 400 Seiten habe ich gerade 100 geschafft, und dennoch bin ich schon sehr beeindruckt. Die Autorin ist Robin Wall Kimmerer, eine amerikanische Biologin. Sie berichtet darin über die «Weisheit der Pflanzen». Klingt gar nicht so unbedingt nach einem Thema, das mich packen würde.

Klar, ich liebe die Natur, aber esoterisch angehaucht bin ich eher weniger. Aber es geht Wall Kimmerer nicht um Esoterik. Sondern um eine andere Sicht auf die Welt. Denn die Autorin ist nicht nur Wissenschaftlerin und Professorin, sondern auch Mitglied der Citizen Potawatomi Nation und Direktorin des «Center for Native Peoples and the Environment». Sie erzählt, wie sie irgendwann begonnen hat, die ihr fremde Sprache Potawatomi, die ihren Grosseltern einst zu sprechen verboten wurde, zu lernen.

Und vor welch grosse Probleme sie dieses Projekt gestellt hat. Weil das System der Sprache so ganz anders ist als das der englischen – und das der Wissenschaft. Das Englische, so erklärt sie, besteht zu einem Grossteil aus Nomen. Dinge und Gegenstände sind unheimlich wichtig in dieser sprachlichen Realität. Verben dagegen machen nur 30 Prozent der Wörter aus. In Potawatomi ist es umgekehrt: Es besteht zu 70 Prozent aus Verben. Die Welt wird unterschieden in das Belebte und das Unbelebte.

Die Kategorisierung und Definition der Welt

In dieser Sprache ist «eine Bucht sein» ein Verb, genauso wie «ein Wasserfall sein». Das Wasser ist nicht einfach tote Materie, es lebt. Natürlich sind auch Tiere und Pflanzen nicht einfach Dinge, sondern tragen die gleichen Pronomen wie Menschen. Sie gehören schliesslich alle zur gleichen Familie. Es gibt sogar ein Wort für die Kraft, die bewirkt, dass über Nacht Pilze aus dem Boden schiessen.

So weit, so gut. Mit meiner westlich-europäisch geprägten Sicht auf die Welt finde ich das vielleicht rührend und schön und würde mir wünschen, die Welt auch so sehen zu können. Gleichzeitig muss ich aber erkennen, dass mir das unglaublich schwerfällt. Weil die Sprache, die Kategorisierung und Definition der Welt, die ich mit meiner Sozialisierung übernommen habe, auch mein Denken geformt haben. Das war mir bisher auch schon klar, zumindest in Ansätzen. Schliesslich diskutieren wir hier momentan viel über Sprache und einen respektvollen Umgang mit ihr.

Aber wie weit meine Beschränktheit reicht, das ist mir tatsächlich erst jetzt aufgefallen. Beim Lesen muss ich deshalb immer wieder innehalten und mir Gedanken machen – und bedauern, dass ich ausgerechnet in diesem sprachlichen Konstrukt gefangen bin. Ist es nicht ein dummer und folgenschwerer Zufall, dass sich dieses hier so durchgesetzt hat? Wie würde die Welt aussehen, wenn sich eine ganz andere Sprache durchgesetzt hätte? Würden wir uns dann vielleicht selbstverständlich als Teil einer magischen, belebten Welt aus Tieren und Pflanzen verstehen? Und nicht als ihr Gegenspieler?

Ja klar, ich weiss, das klingt vielleicht naiv. Ich will auch nicht sagen, dass unsere Sicht falsch ist oder die Wissenschaft irrt. Aber unser Verhältnis zu der uns umgebenden Umwelt, die ist äusserst problematisch. Und es ist unheimlich schön, sich vorzustellen, dass es auch ganz anders sein könnte.

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