«Beim Skaten kann ich klarer denken»

Sven Schiefer fährt Longboard aus Leidenschaft. Er hat auf dem Board nicht nur seinen ganz eigenen Stil entwickelt, der ihm mehrfach Weltmeistertitel einbrachte, sondern produziert auch einzigartige Kunstwerke mit seinen Rollen.

Skater und Künstler Sven Schiefer hoch über Zürich. (Foto: zvg)

Das Skaten habe ich durch meinen Onkel entdeckt. Ich war noch im Kindergarten, fünf oder sechs Jahre alt, als er mir zum Geburtstag ein Skateboard schenkte. Das war ein sehr nachhaltiges Geschenk: Seither hat mich diese Sportart nicht mehr losgelassen.

Die Faszination, die das Skaten auf mich ausübt, hat dabei nicht nur mit dem Spass und der Bewegung zu tun, sondern auch, weil es von Beginn an so etwas wie eine Art Coping-Mechanismus für mich dargestellt hat: Als Kind war ich zum Beispiel jähzornig und impulsiv. Auf dem Brett ist es mir gelungen, diesen Zorn aufzulösen. Ich hatte auch immer Mühe damit, mit Unehrlichkeit umzugehen, und habe es persönlich genommen, wenn mich jemand angelogen hat. Beim Skaten habe ich gemerkt, dass das eigentlich nichts mit mir zu tun hat.

Mit dem Board den Hönggerberg runterzufahren, hilft mir bis heute, Dinge zu verarbeiten. Beim Fahren ist man voller Adrenalin, alles wird klar. Die Entscheidungen, die ich hier treffe, sind für mich immer die richtigen. Wenn andere sagen, sie müssen über eine Entscheidung nochmal schlafen, heisst das für mich deshalb, ich muss «drüber skaten».

Skater und Künstler Sven Schiefer. (Foto: zvg)

Mit eigenem Stil in die Competitions

Nachdem ich zunächst mit dem uralten Board, das mein Onkel mir geschenkt hatte, zu skaten begonnen hatte, habe ich irgendwann das Longboard für mich entdeckt. Das ist deutlich länger als ein normales Skateboard. Es beschleunigt nicht so schnell wie ein «normales» Brett, ist aber auf lange Distanzen schneller. Auf dem Longboard habe ich meine ganz eigene Art entwickelt, mich zu bewegen.

Lange habe ich nur für mich selber geskatet. 2014 aber habe ich auf Anregung von Kollegen erstmals an einem internationalen Wettbewerb, einer Weltmeisterschaft, teilgenommen. Zu meiner Überraschung bin ich in der Disziplin «Dance and Freestyle», bei der man auf und mit dem Longboard tanzt, gleich bis ins Finale vorgedrungen. Dabei habe ich auch festgestellt, dass sich mein Fahrstil ganz deutlich von denen meiner Konkurrenten unterscheidet. Ich bewege mich exakt im Takt der Musik, ähnlich wie ein Eiskunstläufer, und mir ist es wichtig, Bewegungen möglichst organisch auszuführen.

Mein Stil hat bei Juroren und Mitbewerbern anfangs Skepsis ausgelöst. Mittlerweile ist er jedoch akzeptiert und ich darf sogar mit dem Longboard in den Freestyle-Disziplinen teilnehmen, wo eigentlich nur normale Skateboards zugelassen sind. Mit Erfolg: So konnte ich nicht nur 2022 im Longboard die Weltmeisterschaft für mich entscheiden, sondern unter anderem auch die WM 2024 in der Disziplin «Best 360 Spin» gewinnen. Seit 2023 bin ich zudem selbst als Juror tätig.

Den Schlüssel zu den Jugendlichen

Die Wettbewerbe sind für mich aber eigentlich nur Hobby und dienen quasi als Arbeitszeugnis für meine Fähigkeiten. Skateboardfahren ist immer noch eine Randsportart, von den Preisgeldern kann man nicht leben. Mein Geld verdiene ich daher vor allem mit Werbung und Social Media, aber auch mit Unterricht. Kurse zu geben, macht mir grossen Spass. So bin ich etwa im Dynamo oder in städtischen Ferienlagern in Fiesch als Skatelehrer tätig. «Do it yourself, mache dein eigenes Skateboard», heisst zum Beispiel einer der Kurse. Morgens arbeite ich mit den Jugendlichen daran, ihr eigenes Brett zu entwerfen und zu gestalten, nachmittags wird geskatet.

Mich beeindruckt es unheimlich, mit welcher Motivation und Energie die Jugendlichen ihre Bretter entwerfen und Ideen umsetzen. Ich schätze es sehr, ihnen dabei behilflich sein zu können, ihre eigene Kreativität zu entdecken. Ich gebe ihnen lediglich ein paar Tipps, bestärke und bestätige sie in ihrem Vorhaben – und was sie daraus machen, ist wirklich toll.

Mit dieser Erfahrung gehen die Teenager jeweils gestärkt aus dem Lager nach Hause. Sie haben erfahren, dass sie etwas verwirklichen können, allein aus sich heraus. Bei der Arbeit mit den jungen Menschen sind mir meine eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse, die ich durch den Sport gewinnen konnte, extrem hilfreich. Durch ihn bin ich von einem lauten, extrovertierten Menschen zu einer eher introvertierten Person geworden, die auch in Stresssituationen ruhig bleiben kann und ihre Triggerpunkte genau kennt. Ich glaube, ich kann den Jugendlichen gut zuhören und mich selbst dabei zurücknehmen, wodurch es mir oft gelingt, den richtigen Zugang zu ihnen zu finden.

Wenn Rollen malen

Eine weitere, persönliche Auseinandersetzung mit dem Skateboard habe ich im letzten Jahr für mich entdeckt: die Kunst. Mir wurde zuvor oft gesagt, dass ich mit meinem Longboard weniger Sport als Kunst betreibe. Zunächst hat mich das beleidigt, doch dann habe ich beschlossen, diesen Input aufzugreifen. Inspiriert wurde ich auch dadurch, dass ich irgendwann mal meine Tricks gefahren bin und sich auf dem staubigen Boden anschliessend eine Vielzahl an faszinierenden Mustern abzeichnete. Das wollte ich gerne verewigen. Also habe ich in der Wohnung Papier auf den Boden geklebt und das Board mit in Farbe getränkten Schwämmen ausstaffiert, die ich direkt neben die Rollen platziert habe.

Ich bewege mich tänzerisch auf meinem Board, mache meine Tricks, und die Rollen bringen die Bewegung zu Papier. Mich fesselt das Wechselspiel zwischen Kontrolle und Kontrollverlust – und die Klarheit, welche die Bilder aufweisen. Meine Bewegungen, die ich selbst gar nicht sehe, diese flüchtigen, sehr abgerundeten Momente, werden festgehalten.

Faszinierenderweise passen die Bilder immer genau zu der Stimmung oder der Situation, in der sie entstanden sind. Bis jetzt habe ich so 42 Bilder kreiert. So soll es weitergehen. Ich habe grosse Lust, meine «Art of Motion» mit anderen zu teilen, etwa in einer Ausstellung oder einer Liveperformance. Gerne möchte ich auch meine Bilder an ganz unterschiedlichen Orten entstehen lassen – etwa im Wald, oder als Kontrast am Bellevue. Und dann beobachten, welchen Einfluss die Umgebung auf das Bild hat, das mein Skateboard zeichnet.

Aufgezeichnet von Dagmar Schräder

Verwandter Artikel

Immer in Bewegung

0 Kommentare


Themen entdecken