Kultur
«Beim Ausprobieren entstehen meistens die besten Bilder»
Die Wipkinger Fotografin Linda Pollari hat zahlreiche bekannte Persönlichkeiten porträtiert. In ihrem Fotobuch «Der Moment zwischen uns» versammelt sie 60 dieser Begegnungen. Es sind Gesichter, die ihre eigene Geschichte erzählen.
23. August 2026 — Daniel Diriwächter
Linda Pollari interessiert sich in erster Linie nicht für die perfekte Pose. Sie interessiert sich für den Menschen: für seine Geschichte, seine Eigenheiten und für das, was sich in einem kurzen Augenblick zeigen kann. «Ich bin eine Beobachterin», sagt die Fotografin. Was ihr an einer Person auffällt, was sie an ihr besonders oder einzigartig findet, versucht sie in ihren Fotografien sichtbar zu machen.
Seit vielen Jahren lebt Pollari in Wipkingen. Geboren und aufgewachsen ist sie aber in Bern. Der Weg zur professionellen Fotografie begann mit einer Ausbildung in einem Fotofachgeschäft. Pollari lernte damals das gesamte Handwerk: fotografieren, verkaufen und im Labor arbeiten.
Ihre Ausbildung schloss sie analog ab, während sich die Digitalfotografie durchzusetzen begann. Die ersten digitalen Spiegelreflexkameras seien damals eine Sensation gewesen, wie sie sagt. Inzwischen arbeitet Pollari längst digital.
Keine feste Schablone
Nach dieser Ausbildung zog Pollari kurzzeitig ein Studium der Sozialen Arbeit in Betracht. Während eines Praktikums in einer psychiatrischen Einrichtung organisierte sie Freizeitprogramme, Ausstellungen und: Fotoworkshops. Dabei wurde ihr klar, dass sie zur Fotografie zurückkehren wollte.
Sie bewarb sich an der Zürcher Hochschule der Künste – obwohl sie kaum damit rechnete, das Aufnahmeverfahren zu bestehen. Schritt für Schritt kam sie weiter und schloss schliesslich ihr Fotografie-Studium ab. Nach einer Anstellung in einer Werbeagentur als Werbefotografin machte sie sich selbstständig. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt seither auf der Porträtfotografie für Zeitungen und Zeitschriften sowie Unternehmenskommunikation.
Über die Jahre standen zahlreiche Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Gesellschaft vor ihrer Kamera, darunter Bastien Girod, Michael Steiner, Valentino, Claudio Zuccolini oder Laetitia Zappa. Auch Persönlichkeiten aus dem Kreis 10 traten schon vor Pollaris Linse. Jascha Harke von der SP Zürich 10 und das Wipkinger Original Hannibal Buri, den sie auch persönlich kennt.
Pollari arbeitet dabei nicht nach einer festen Schablone. Und bei jedem Auftrag komme sie ein Stück weit ins kalte Wasser: Sie kenne die Person nicht, wisse nicht genau, welche Umgebung oder welche Lichtsituation sie erwarte – und auch nicht, ob die Chemie zwischen ihr und ihrem Gegenüber stimme. Vieles entscheide sich deshalb im Moment.
Hinzu kommt der Zeitdruck. Auch unter solchen Bedingungen müsse ein gutes Bild entstehen. Lieber ist Pollari allerdings, wenn genügend Zeit vorhanden ist. Dann könne sie ausprobieren und von den vertrauten Lösungen abweichen. «Beim Ausprobieren entstehen meistens die besten Bilder.»
«Linda, du musst ein Buch machen»
Ein eigenes Fotobuch hatte Pollari zunächst nicht geplant. Den entscheidenden Anstoss gab der Fotograf und Fachautor Urs Tillmanns, den sie durch ihre berufliche Tätigkeit kennengelernt hatte. Er sagte zu ihr: «Linda, du musst ein Buch machen.» Pollari winkte zunächst ab.
Doch Tillmanns blieb hartnäckig. Er versprach, sie bei dem Projekt zu begleiten und das Vorwort zu schreiben. «Als Urs Tillmanns mir das höchstpersönlich versprach, musste ich es machen», sagt sie sich. Für sie sei seine Unterstützung das Grösste überhaupt, wie sie betont.
Von der ersten Idee bis zum fertigen Werk vergingen rund fünf Jahre. Etwa ein Jahr brauchte Pollari, um sich überhaupt auf das Projekt einzulassen. Danach dauerte es weitere vier Jahre, bis alle Arbeiten abgeschlossen waren. Immer wieder fehlte im beruflichen wie im privaten Alltag die Zeit und Musse, am Buch zu arbeiten – Pollari ist auch Mutter eines Sohnes.
Unterstützung erhielt sie von Salome In-Albon, einer befreundeten Journalistin und Psychologiestudentin. Denn von 60 porträtierten Personen, so die Auswahl, mussten Einverständnisse eingeholt, E-Mails geschrieben und zahlreiche Rückmeldungen koordiniert werden. Ohne diese Hilfe, sagt Pollari, wäre das Buch wohl noch immer nicht fertig.
Der Band mit dem Titel «Der Moment zwischen uns» versammelt schliesslich Arbeiten aus 16 Jahren. Das Buch in den Händen zu halten, löst bei Pollari auch zwiespältige Gefühle aus, erzählt sie. Einerseits sei es wunderschön, andererseits habe sie sich während der jahrelangen Arbeit beinahe daran sattgesehen. Irgendwann habe sie nur noch gedacht: «Jetzt macht das Buch fertig.»
Beim Blick auf das Resultat stelle sie sich auch manchmal die Frage, ob ihre Arbeiten bedeutend genug seien. Und trotzdem, der Stolz überwiegt: «Es ist etwas Physisches, das du in die Hand nehmen und sagen kannst: Das habe ich in meinem Beruf erreicht.»
Beruf ist nicht das Hobby
Privat lässt die Wipkingerin die professionelle Kamera übrigens meist zu Hause. In den Ferien fotografiert sie wie fast alle anderen mit dem Handy. «Ich habe Glück, dass ich einen Beruf habe, den ich leidenschaftlich ausüben darf – aber mein Beruf ist nicht mein Hobby», hält sie fest. Dieses ist nämlich viel eher der brasilianische Paartanz Zouk.
Auch dabei gehe es darum, das Gegenüber wahrzunehmen, eine Verbindung aufzubauen und innerhalb klarer technischer Grundlagen zu improvisieren. Die Parallele zur Porträtfotografie ist dennoch unverkennbar. Man weiss vorher nie ganz genau, was in einer Begegnung entstehen wird.
Linda Pollari: Der Moment zwischen uns
Verlag edition abcdefghijklmnopqrstuvwxyz, Diessenhofen
ISBN 978-3-03858-537-4
Im Handel
Buchvernissage:
Mittwoch, 2. September, 20 Uhr. Mit Urs Tillmanns und Fritz Franz Vogel.
Sphères, Hardturmstrasse 66, 8005 Zürich
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