Quartierleben
100 Jahre «Höngger», Teil 5: 1966 bis 1976
In dieser Dekade begann eine neue Ära für den «Höngger»: Erich und Louis Egli nahmen das Ruder in die Hand und erfanden die Zeitung neu. Schliesslich wurde das 50-Jahr-Jubiläum gefeiert.
10. Juni 2026 — Daniel Diriwächter
Anton Moos, der den «Höngger» seit 1926 herausbrachte, die ersten Jahre mit seinem Bruder Franz, starb im November 1965 nach kurzer, schwerer Krankheit. Wir berichteten im Teil 4 des Jubiläumsrückblicks über seinen Werdegang. Nach seinem Tod blieben seine Frau Gertrude Moos und die Tochter, heute Marie-Antoinette Lauer, zurück. Es ging damals nicht nur um die Zeitung, sondern auch um die Buchdruckerei Moos, die im Wohnhaus an der Ackersteinstrasse 159 untergebracht war.
Gertrude Moos übernahm daraufhin die Leitung. «Meine Mutter hat damals sehr viel Mut bewiesen», sagt Marie-Antoinette Lauer im Interview mit dem «Höngger». Frau Moos wollte die Druckerei im Sinne ihres verstorbenen Ehemanns weiterführen. Und das mit der Hilfe des Mitarbeiters Willy Lehmann. Aber sie stiess an ihre Grenzen. «Sie war nicht von der Branche und sie hatte als Frau einen schweren Stand in diesem Geschäft», so Marie-Antoinette Lauer.
Die Übernahme
Es war eine Meldung in «Die Staatsbürgerin», einer Zeitschrift für politische Frauenbestrebungen, herausgegeben vom Verein Aktiver Staatsbürgerinnen. Darin vermeldete Getrude Moos: «Am 1. Oktober 1967 haben die Gebrüder Erich und Louis Egli die Buchdruckerei Anton Moos übernommen. Es ist mir ein grosses Bedürfnis, mich beim Frauenstimmrechtsverein Zürich für die langjährige Treue, auch nach dem Tode meines Mannes – trotz allen Schwierigkeiten, die ich zu bestehen hatte – herzlich zu bedanken.»
Es falle ihr nicht leicht, von einem Wirkungskreis Abschied zu nehmen, mit dem sie und ihre Familie so lange verbunden waren. Sie wünschte den Gebrüdern Egli einen «verheissungsvollen Start und Erfolg in ihrem Bemühen um gute Qualitätsarbeit».
Tatsächlich suchte Getrude Moos zunächst nach einem Geschäftsführer, der die Buchdruckerei sowie die Geschicke des «Hönggers» in die Hand nimmt – und sie traf auf Erich und Louis Egli aus Reiden, Luzern. Letzterer schlug Gertrude Moos vor, er könne das Geschäft mit seinem Bruder gemeinsam übernehmen. Die damals 29-jährigen Zwillinge kamen vom Fach:
Bereits ihr Vater Alfred Egli war in dieser Branche erfolgreich (er war Geschäftsführer der Luzerner Nachrichten AG), die Söhne zogen nach: Erich bildete sich beim «Oltner Tagblatt» zum Drucker aus, Louis als Schriftsetzer bei Ringier in Zofingen. Gertrude Moos stimmte dem Verkauf zu und Louis Egli sagt heute offen, er habe den «Höngger» damals «gerettet». «Die Zeitung hatte nur noch zwei Seiten und die Maschinen waren veraltet», erinnert er sich.
Erst einige Jahre später sollten die Brüder erfahren, dass es eine Verbindung zwischen ihrem Vater und dem «Höngger»-Gründer gab: Alfred Egli hat Anton Moos persönlich gekannt, denn sie hatten gegenseitig ihren «Gautschbrief», das Gesellenzeugnis der Drucker und Setzer, unterzeichnet.
Eine neue Epoche beginnt
Am 29. September 1967 erschien die letzte Ausgabe mit der Buchdruckerei Moos. Auf dem Titel die Meldung der Geschäftsübergabe sowie der Geschäftsübernahme. Sie war mit sechs Seiten gut bespielt; drei Seiten allein für Inserate. Die nachfolgende Nummer 1 der Gebrüder Egli, die nun von der Bruchdruckerei AG Höngg herausgegeben wurde, erschien am 6. Oktober 1967, ebenfalls produziert an der Ackersteinstrasse, aber mit moderner Schrift, und immer noch wöchentlich.
Der Abonnementspreis betrug 8 Franken und einmal monatlich wurde «Der Höngger» gratis in die Höngger Briefkasten verteilt. Der Erscheinungsradius blieb bestehen: Höngg, Wipkingen, Affoltern, Ober- und Untereng-stringen, Weiningen, Regensdorf und Watt.
Der Betrieb wurde familiär geführt: Die Ehefrauen Rita und Pia sowie Mutter Hedwig halfen tatkräftig in der neuen Firma mit. Inhaltlich blieben die Zwillinge dem Konzept vorerst treu. Vereinsnachrichten und Amtliches dominierten. Aber Erich und Louis Egli hatten viel vor. Bereits in der zweiten Ausgabe am 13. Oktober wurde die neue Buchdruckmaschine präsentiert (ein originaler Heidelberg Zylinderautomat).
Obwohl die Brüder nicht aus Höngg kamen, wurden sie mit offenen Armen im «Dorf» empfangen. Unterstützt wurden sie vom Mitarbeiter Willy Lehmann, der ein gutes Wort für die Brüder einlegte. So fanden Erich und Louis Egli den Anschluss im Quartier. Und es gab vieles zu berichten.
Alltag, Vereine und Quartierleben
Betreffend dem Zeitungsinhalt verfolgten Erich und Louis Egli von Beginn an eine klare Linie: Alle Vereine, Institutionen und weiteren Akteure des Quartiers wurden eingeladen, Artikel einzureichen, die für Höngg relevant waren. Denn, so Louis Egli: «Wir konnten nur gewinnen, wenn wir mit den Inhalten lokal blieben. Und das haben wir geschafft.»
Es gab keine Ambitionen, die grossen Tageszeitungen zu imitieren oder gar zu konkurrenzieren. Es ging ausschliesslich um Höngg und die Nachbarschaft. Dennoch wurde die Zeitung auch politischer. Louis Egli machte den Parteien jedoch klare Auflagen: Sämtliche Beiträge mussten ohne Diffamierung auskommen. Gleichzeitig erhielt die Zeitung eine gewisse Lockerheit und auch Biss, wenn etwa über die «angefressene PTT» geschrieben wurde.
Dass in Höngg einiges los war, beweist der Blick in das Archiv. Ende 1967 wurde die Buslinie 80 eingeführt, gleichzeitig informierte man über den Neubau des Turnerhauses auf dem Hönggerberg. Im Jahr 1968 feierte der Dramatische Verein Waidberg – heute die Zürcher Freizeit-Bühne – sein 75-Jahr-Jubiläum, ein fester Bestandteil der Berichterstattung. Gespielt wurde «Der verkaufte Grossvater» von Franz Streicher und Schaggi Streuli.
Auch die Kulturfilmgemeinde informierte regelmässig über ihr Programm. So wurde etwa im Oktober 1971 die deutsche Klamotte «Hurra, die Schule brennt» gezeigt – vorgeführt im Cinema Zentrum. Ebenso fanden Neueröffnungen von Handel und Gewerbe ihren Platz in der Zeitung. Dazu kam das «Salzkorn der Woche»: ein Kommentar zu allgemeinen Themen, gerne auch pointiert.
Im März 1969 gratulierte die Zeitung schliesslich dem beliebten Pfarrer Paul Trautvetter zum 80. Geburtstag. Der Geistliche wurde bereits in der ersten Ausgabe von 1926 erwähnt. Mittlerweile wirkte er nicht mehr als Pfarrer, jedoch als Seelsorger im Altersheim Bombach. Ebenfalls berichtet wurde über den Bau der neuen Frankentalerstrasse und das 75-Jahr-Jubiläum des Samaritervereins Zürich-Höngg.
Auch die «Rubrik für die Frau» machte von sich reden. Dort ging es etwa um den Umgang mit Hefeteig für einen Zopf; wobei ausdrücklich vermerkt wurde, dass dies durchaus auch Männersache sei. Berichtet wurde weiter über die fehlende Toilette am Meierhofplatz oder über das 1000. Mitglied im Verein Altersheim Höngg. Über die Fasnacht in Höngg und die Gründung des Vereins Zentrum Höngg.
Über die neue Orgel in der Kirche Höngg oder ganz einfach über Mode: Damen- und Herrenbekleidung. Thema war auch das neue katholische Pfarreizentrum Heilig Geist, das 1973 eröffnet wurde, ebenso der Besuch der Miss Schweiz, Barbara Schoettlin, im «Limmatberg» im Jahr 1973 oder das neue Schützenhaus und die Schiessplatzgenossenschaft Höngg.
Über die Einweihung des Schulhauses Vogtsrain im Jahr 1974, Erinnerungen an den «verträumten Weiler» namens Rütihof, oder darüber, wie der «Chranz» 1975 zur Heimat des Ortsmuseums Höngg wurde. Auch die Eröffnung der Galerie «Zentrum» fand Erwähnung – ein Fest für Kunstliebhaber. Und natürlich berichtete die Zeitung über das erste Höngger Wümmetfäscht im Jahr 1973.
Immer wieder Thema waren die Wahlen – und entsprechend zahlreich die Inserate. Denn: «Vieles ist in Höngg und Wipkingen schlecht», behauptete 1970 der Landesring der Unabhängigen. Im Februar 1974 wurde dann bekanntlich vieles besser, und zwar landesweit: Auf Seite eins erschien der Artikel «Ein herzliches JA für unsere Frauen» – das Frauenstimmrecht wurde angenommen.
Es gab auch Blicke über den Tellerrand. 1969 wurde etwa die «Rauschgiftsucht» thematisiert, unter dem Titel «Teufel an der Wand». Ebenso schrieb man über die Schweiz und ihre Beziehung zu Europa oder erhob ein «Zwischenzeugnis für den Bundesrat».
Besuch vom Zürcher Kammerorchester
Die Buchdruckerei AG entwickelte sich in diesen Jahren sehr erfolgreich: Nicht nur durch die Zeitung, sondern auch mit weiteren Aufträgen. Und so führten zehn erste geschäftige Jahre zum 50-Jahr-Jubiläum des «Hönggers». Ursprünglich hatten Erich und Louis Egli nicht im Sinn, diese Zahl gross zu feiern (mit Ausnahme der Sondernummer), aber der Zufall wollte es, dass ein befreundeter Geschäftspartner noch eine Art «Gutschein» vom Zürcher Kammerorchester zur Verfügung hatte.
Mit diesem war es möglich, das Orchester kostenfrei für einen Auftritt zu engagieren. Also organisierten die Gebrüder Egli ein Konzert in der reformierten Kirche, dirigiert wurde es von Edmond de Stoutz. «Die Kirche war voll besetzt», erinnert sich Louis Egli. Das Orchester spielte Werke von Leclair, Purcell, Schubert und Strawinsky.
Es geht weiter
Gedruckt wurde ab dem Jahr 1972 nicht mehr an der Ackersteinstrasse, denn, so Erich Egli, die Druckmaschinen waren zu laut. Gertrude Moos, Eigentümerin des Hauses, protestierte – und so zog man an die Pfingstweidstrasse 6 im Kreis 5. Dort wirkten Erich und Louis Egli weiter, quasi vor den Toren von Höngg.
Privat fanden beide Familien übrigens nie eine Wohnung in Höngg, stattdessen lebten die Eglis in Dielsdorf. Das vermochte aber das Engagement in Höngg nicht zu beeinträchtigen. Der Abonnementspreis betrug mittlerweile 16 Franken.
100 Jahre: das ZKO kehrt zurück!
Das Zürcher Kammerorchester kam zum 50-Jahr-Jubiläum nach Höngg und begeisterte damals das Publikum. Nun kehrt es am 6. November, 19 Uhr, für das 100-Jahr-Jubiläum zurück und tritt für uns in der Kirche Heilig Geist auf. Es spielt Werke von Corelli, Locatelli, Schubert und Strawinsky. Das Konzert wird ermöglicht dank der grosszügigen Unterstützung von Zweifel 1898. Karten können bei Eventfrog oder gegen Barzahlung bei der «Höngger Zeitung» bezogen werden.
Das digitale Archiv: Dank an die Schmid-Wörner-Stiftung
Stöbern, Recherchieren, Entdecken, Wiederfinden oder Suchen: 100 Jahre «Höngger Zeitung» bedeuten eine Menge Lesestoff – und gleichzeitig sind diese Informationen auch zeitgeschichtliche Dokumente. Die Zentralbibliothek Zürich hat im Auftrag der «Höngger Zeitung» sämtliche Ausgaben ab dem 1. Oktober 1926 eingescannt und stellt das digitale Archiv nun laufend kostenfrei auf ihrer Website zur Verfügung.
Ein Vorhaben, das dank der Schmid-Wörner-Stiftung in Höngg realisierbar war, welche die Kosten übernommen hat. Die Stiftung unterstützt Kultur und Soziales, gemeinnützige Projekte und Institutionen sowie Bedürftige im Quartier Zürich-Höngg. Herzlichen Dank an den Stiftungsrat der Schmid-Wörner-Stiftung, der damit das digitale Archiv ermöglicht hat.





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