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Wir sind Höngg

«Manchmal muss man sich selbst ein Bein stellen»

13. Oktober 2021 von

Das Gestalterische liegt ihm – doch auch die Gastronomie macht ihm Spass: Gjin Paloka.
Foto: Ilias Islam

Das Gestalterische liegt ihm – doch auch die Gastronomie macht ihm Spass: Gjin Paloka.

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Online seit
13. Oktober 2021

Printausgabe vom
28. Oktober 2021
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Gjin Paloka ist zwar noch keine dreissig, hat aber in seinem Leben schon so einiges erlebt. Wechsel und Veränderung gehören für ihn schon fast zum Alltag – doch dank seiner spontanen und offenen Art kann er gut damit umgehen.

Meine Kindheit kann man als «bewegt» bezeichnen. Geboren bin ich 1992 im Spital in Männedorf. Meine Eltern waren aus dem Kosovo in die Schweiz gekommen und lebten damals mit meinen zwei älteren Schwestern in Herrliberg. An diese Zeit habe ich allerdings keine Erinnerungen, denn schon bald zogen wir nach Rapperswil um, wo ich den Kindergarten besuchte. Damals kam auch mein Grossvater aus dem Kosovo in die Schweiz und lebte bei uns. Jugoslawien war am Auseinanderbrechen und auch im Kosovo stand der Krieg kurz bevor, so dass er in der Schweiz Zuflucht suchte. Nicht lange danach verstarb er jedoch bei uns in der Wohnung. Meine Mutter belastete die Erinnerung an ihn und seinen Tod so sehr, dass wir erneut umzogen, diesmal nach Wolfhausen. Den grössten Teil meiner Kindheit und Jugend jedoch verbrachte ich schliesslich in Hombrechtikon. Das war ein wunderbarer Ort zum Aufwachsen, mit dem Lützelsee und der Nähe zum Zürichsee. Als ich 19 war, mussten wir jedoch abermals umziehen – unfreiwilligerweise. Weil meine Eltern die Miete nicht mehr bezahlen konnten, verloren wir die Wohnung in Hombrechtikon und mussten auf die Schnelle etwas Neues finden. Das war für mich ein einschneidendes Erlebnis. In Dübendorf mietete ich eine kleine Wohnung für mich und meine Eltern, meine älteren Schwestern waren bereits ausgezogen. 

Sich nicht von anderen beeindrucken lassen

Schon während meiner Sekundarschulzeit hatte ich begonnen, mein eigenes Geld zu verdienen. Ich arbeitete im Migros, zunächst als Ferienjob, dann auch an Wochenenden, räumte die Regale ein und half im Lager aus.
Nach der Schule hatte ich keine Vorstellung davon, was ich eigentlich beruflich machen wollte. Also besuchte ich zunächst – mehr aus Verlegenheit – die Handelsschule. Das passte aber überhaupt nicht zu mir; nach anderthalb Jahren brach ich diese Ausbildung ab und jobbte lieber in der Gastronomie. Für den Service war ich zu schüchtern, aber die Arbeit am Buffet hat mir gut gefallen. Gerne hätte ich eine Ausbildung zum Restaurationsfachmann gemacht, doch meine Eltern waren dagegen. Ich bereue es bis heute, dass ich damals nicht meinem Herzen gefolgt bin und diese Ausbildung gemacht habe.
Dennoch habe ich weiterhin in den verschiedensten Restaurants und Bars gearbeitet und finanzierte mir mit meinem Verdienst die Teilnahme am Vorkurs für Gestaltung. Zeichnen und Gestalten gehörten nämlich ebenfalls zu meinen Hobbys, doch auch von einem gestalterischem Beruf hatten mir Eltern und Berufsberater abgeraten, so dass ich mich lange nicht getraute, dieses Ziel zu verfolgen. Es war meine älteste Schwester, die mich schliesslich überzeugte, mich nicht von der Meinung anderer beeindrucken zu lassen und das zu tun, was ich wirklich gerne mache. Sie war es auch, die mir riet, nach dem Vorkurs ein Praktikum als Grafiker zu suchen. Ich habe es einfach mal probiert – und hatte Erfolg. Seither bin ich als Grafiker tätig, habe die Lehre in einer kleinen Werbeagentur absolviert und bin auch seit dem Abschluss der Lehre in einer Agentur beschäftigt.

In Höngg angekommen

In der Zeit nach dem Lehrabschluss vor drei Jahren habe ich meinen jetzigen Lebenspartner kennengelernt. Durch ihn bin ich nach Höngg gekommen – er lebt nämlich bereits seit über 15 Jahren hier im Quartier. 2018 bin ich bei ihm eingezogen. Ich fühle mich hier sehr wohl, das Quartier gefällt mir sehr gut. Höngg erinnert mich mit der Nähe zur Natur immer ein wenig an meine Kindheit in Hombrechtikon, ist gleichzeitig aber auch ziemlich städtisch und zentral gelegen.

Das Verständnis der Familie fehlt

Seit meine Mutter weiss, dass ich mit einem Mann zusammenlebe, haben wir weniger Kontakt als vorher. Zwar wohnt sie, anders als mein Vater, nach wie vor hier in der Schweiz, doch wir sehen uns nicht sehr häufig. Sie ist in einer sehr streng katholischen Familie aufgewachsen und ich glaube, sie schämt sich dafür, dass ich nicht im traditionellen Sinne verheiratet bin und eine Familie gegründet habe. In dieser Familiengemeinschaft zählt eigentlich nur das, was die Gemeinschaft vorschreibt, wie es dem Einzelnen dabei geht, spielt keine grosse Rolle. Die Familie gibt Rückhalt und soziale Sicherheit, deswegen hat sich der/die Einzelne zurückzunehmen. Dieses Verhalten und das Unverständnis meiner Mutter haben mich zu Beginn sehr belastet, doch mittlerweile bin ich zu alt, um mich darüber aufzuregen. Ich bin extrem glücklich darüber, hier so leben zu können, wie ich das möchte.

Die Zukunft ist offen

Obwohl ich in meinem jetzigen Job zufrieden bin, bin ich doch wieder auf der Suche nach Veränderung. Ich würde eigentlich ganz gerne wieder in die Gastronomie wechseln, ich vermisse die Arbeit in der Bar, den Kundenkontakt. Mein ganzes Leben lang habe ich immer sehr spontane Entscheidungen gefällt, doch jetzt schwanke ich etwas, welcher Weg für mich der richtige ist. Vielleicht ist das auch eine «Alterserscheinung»: ich überlege länger, bin rationaler, nehme mehr Verantwortung für mich selber wahr und handle überlegter. Doch manchmal muss man sich, davon bin ich überzeugt, auch selbst ein Bein stellen, um etwas Cooles machen zu können. Vielleicht lässt sich mein jetziger Job als Grafiker ja auch mit einer Stelle in der Gastronomie kombinieren? In Teilzeit oder als selbstständiger Freelancer? Wir werden sehen.

In diesen monatlichen Beiträgen werden ganz normale Menschen aus Höngg porträtiert: Man braucht nicht der Lokalprominenz anzugehören und muss auch nicht irgendwelche herausragenden Leistungen vollbracht haben, nein, denn das Spezielle steckt oft im scheinbar Unscheinbaren, in Menschen «wie du und ich».
Sollte die Stafette abreissen, sind wir froh, wenn auch Sie uns mögliche Kandidat*innen melden. Kontaktangaben bitte per Mail an redaktion@hoengger.ch oder Telefon 044 340 17 05.

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13. Oktober 2021

Printausgabe vom
28. Oktober 2021
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