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Energie und Klima

«Die Sonne schickt keine Rechnung»

1. Juli 2021 von

Walter Sachs setzt sich als Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Sonnenenergie dafür ein, dass diese Technologie in der Schweiz schneller und umfassender ausgebaut wird.
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Walter Sachs setzt sich als Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Sonnenenergie dafür ein, dass diese Technologie in der Schweiz schneller und umfassender ausgebaut wird.

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1. Juli 2021

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01. Juli 2021
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Die Schweiz, so haben erst kürzlich veröffentlichte Studien wieder gezeigt, weist im Bereich des Ausbaus von Solarenergie im Vergleich zum benachbarten Ausland einen erheblichen Rückstand auf. Woran liegt das? Der «Höngger» hat sich mit einem hiesigen Experten unterhalten.

Walter Sachs, wohnhaft in Höngg, ist Elektroingenieur und Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Sonnenergie SSES. Die Vereinigung zählt rund 4500 Mitglieder, ist gesamtschweizerisch als Konsumentenorganisation im Bereich Solarenergie tätig und setzt sich dafür ein, dass die Schweiz ihre Energie zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen bezieht. Der «Höngger» wollte von ihm wissen, wie er die aktuelle Situation einschätzt und welches Potenzial er in der Solarenergie sieht.

Der Strombedarf soll aufgrund der Substitution fossiler Brenn- und Treibstoffe ansteigen. Können wir diesen Bedarf selber decken?

Das ist eine gute Frage – gemäss allen Studien und Prognosen sollte dies möglich sein. Allerdings möchte ich zu bedenken geben, dass die preiswerteste Energieform immer noch das Energiesparen ist – dies wird als «Negawatt» bezeichnet (für nicht gebrauchte Energie). Insofern setzen wir uns bei der SSES auch für Effizienz und Solararchitektur ein. Auch die ausufernde, individuelle Mobilität gehört hinterfragt – über ein Drittel der in der Schweiz verbrauchten Energie fällt im Verkehrsbereich an, hier ist dringend ein Umdenken notwendig: zurück zum ÖV, Velo sowie kleinen und leichten Fahrzeugen. Und ein weiterer Vergleich: in den 60er-Jahren war der Energieverbrauch bei einem Drittel bis einem Viertel des heutigen Energieverbrauchs pro Kopf. Die Menschen damals hatten aber auch schon alles, was sie für ein komfortables Leben brauchten – inklusive Mobilität. Würden wir hier wieder alle etwas «energiebescheidener» werden, so bräuchte es grosse Teile des geplanten Ausbaus gar nicht.

 Atomkraftwerke stellen viele Umweltschützer vor ein Dilemma: sie stehen in Bezug auf die CO2-Emissionen viel besser da als andere Energiequellen. Wie sehen Sie diese Problematik?

Atomkraftwerke stehen eigentlich gar nicht mehr zur Diskussion. Die Bauzeiten und Kosten von AKWs übersteigen alle anderen Alternativen bei weitem. Ein Beispiel: Das sich in England im Bau befindliche AKW Hinkley Point C mit einer Bauzeit von wohl über zehn Jahren kann nur realisiert werden, weil der englische Staat eine Garantie für die Stromabnahme gegeben hat – zu ca. 13 Rp/kWh über 35 Jahre, zuzüglich Inflationsausgleich. Dazu gibt es weitere staatliche Garantien wie die Übernahme von allfälligen Mehrkosten beim Rückbau und der ungelösten Entsorgung der hochradioaktiven Brennstäbe. Zum Vergleich: die Gestehungskosten eines neuen Solarkraftwerks liegen in der Schweiz bei ca. 8 bis10 Rp/kWh. Ein weiterer Vergleich: in Deutschland wurden in den letzten acht Jahren ca. 25 Gigawatt Solaranlagen neu gebaut, dies entspricht leistungsmässig ca. 25-mal dem AKW Leibstadt oder ca. 75-mal dem AKW Beznau I. Der jährliche Ertrag dieser Solaranlagen ist sogar etwas grösser als derjenige aller vier laufenden Schweizer AKW zusammen. Und die Klima-Bilanz ist bei der Atomenergie auch weit grösser als Null. Zumal bei der Kernspaltung noch weitere, starke Treibhausgase entstehen, genannt sei nur Krypton-85, ein radioaktives Edelgas, welches ohne Kernspaltung in der Atmosphäre gar nicht vorhanden wäre.

Wie beurteilen Sie das Potenzial der Stromversorgung durch Solarenergie in der Schweiz im Allgemeinen und Zürich im Besonderen?

Das Potenzial ist sehr gross, im Schnitt sind weniger als 4 Prozent davon genutzt. Die Schweiz könnte durch Solarenergie, zusammen mit der Wasser- und Windenergie, ihren gesamten Energieverbrauch abdecken und die Solarenergie kann einen sehr grossen Anteil beitragen. In Zürich sind übrigens erst 0,9 Prozent der möglichen Solarenergie genutzt.

Warum ist die Schweiz beim Ausbau so viel langsamer als ihre Nachbarländer?

Dies liegt vor allem an den Rahmenbedingungen: in Deutschland etwa gibt es einen garantierten Mindestpreis für die abgenommene Energie, bei uns nicht. Bei uns können Anlagen nur über den Eigenverbrauch amortisiert werden, dies schliesst aber – quasi per Definition – grosse Anlagen, beispielsweise auf Scheunendächern, aus.

Welche Einmal- und Einspeisevergütungen beziehungsweise anderen Anreize wären aus Ihrer Sicht hier sinnvoll, um den Ausbau zu beschleunigen?

Die Einmalvergütung ist ein sinnvolles Instrument und deckt ca. 20 Prozent der Investitionskosten. Ausserdem ist sie ein wichtiges, positives (psychologisches) Signal an diejenigen, welche Solaranlagen bauen wollen, nämlich, dass der Bund den Ausbau befürwortet.
Allerdings reicht dies nicht aus, denn für das Erreichen der notwendigen Ausbauziele ist eine Verfünffachung des momentanen Solarzubaus notwendig. Dafür braucht es aber auch grosse Solaranlagen ohne Eigenverbrauch, und deren Investitionsrisiko ist, bedingt durch den instabilen und nicht prognostizierbaren Rückliefertarif nicht abschätzbar. Denn da bei allen erneuerbaren Energieanlagen keine Brennstoffkosten anfallen, lässt sich deren Amortisation eigentlich gut rechnen – aber nur, wenn man von einem minimalen Rückliefertarif ausgehen kann. Wir von der SSES setzen uns hier mit aller Kraft für einen minimalen, langfristig stabilen Rückliefertarif ein. Rund 8 bis 10 Rappen/kWh wären ausreichend, dies entspricht ungefähr dem Preis, den wir auch jetzt schon für Strom bezahlen. 

Stichwort lokale Produktion: der durch die Solarmodule produzierte Strom ist zwar lokal – doch wie sieht es mit der Herstellung der Module aus?

Das ist ein sehr wichtiger Punkt, welcher inzwischen aber fast jeden Lebensbereich tangiert – ein Beispiel: unsere Tochter hat sich neulich zum Frühstück einen Beerensmoothie gemacht, mit einem Mixer aus China – von Rotel, eigentlich einer alten Schweizer Marke, die die Produktion verlagert hat -, gemixt in einem Mixbecher aus China und getrunken hat sie den Saft dann mit einem Röhrli aus der Migros –ebenfalls aus China. Eine wieder lokale, oder zumindest landesnahe Produktion vieler Güter wäre sehr wichtig. Denn bei all diesen Produkten aus Fernost erkaufen wir uns die Vorteile – wie auf den ersten Blick günstigere Preise – mit den bekannten Nachteilen: Abhängigkeit von Drittländern sowie den globalen Transportkapazitäten, fehlende soziale Gerechtigkeit etwa in punkto Arbeitsbedingungen und Mindestlöhne sowie fehlende oder nicht hiesige Umweltstandards. Gerade auch die Corona-Krise hat gezeigt, dass lokale Produktion und Know-how sehr wichtig sind. Dies gilt insbesondere auch für die Solartechnologie, weil es sich hier um eine Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts handelt. Zurzeit stammen rund 70 bis 80 Prozent der in der Schweiz verbauten Solarmodule aus China.

Wie nachhaltig ist diese Produktion von Solarzellen?  

Hierzu gibt es leider kaum Angaben. Es wäre wünschenswert, dass die Politik sich auch hier wieder vermehrt einer lokalen Standortförderung widmen würde. Grundsätzlich kann man sagen, dass Solarzellen die zu ihrer Produktion benötigte Energie nach ca. 7bis 8 Monaten wieder eingespielt haben. Danach laufen sie noch jahrzehntelang weiter, Solaranlagen werden problemlos 30-jährig oder älter. Kohle-, Gas- und Kernkraftwerke dagegen können die zu ihrer Produktion benötigte Energie nie einspielen – einfach deshalb, weil diese dauernd neue Energie in Form von fossilen oder nuklearen Energieträgern benötigen. Die Sonne dagegen schickt keine Rechnung – die Solartechnologie ist mithin das nachhaltigste und schönste Geschenk, was wir der nächsten Generation machen können. Und es wäre nicht einmal so teuer: der komplette Umbau der Schweizer Energieversorgung wäre mit ca. 50 bis 80 Milliarden Franken zu haben. Und danach wäre die Energie über Jahrzehnte gratis. Als Vergleich: Die Nationalbank hatte 2019 einen Jahresgewinn von 49 Milliarden.

 

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