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Energie und Klima

Beim Heizungsersatz gibt es noch viel Luft nach oben

17. Juni 2021 von

Direkte Treibhausgasemissionen Stadt Zürich 2020

Direkte Treibhausgasemissionen Stadt Zürich 2020

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Die höchsten Treibhausgasemissionen fallen im Gebäudebau an.

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17. Juni 2021

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17. Juni 2021
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Der grösste Anteil an Treibhausgasemissionen, nämlich über die Hälfte, entsteht im Bereich Gebäudebau. Hier sieht die Stadt grosses Verbesserungspotenzial: Sie will den Ausstoss pro Kopf und Jahr bis 2040 um 90 Prozent senken. Dabei handelt es sich aber nur um die in der Stadt verursachten Emissionen.

Seit 1990 konnten die direkten Emissionen im Bereich Gebäudeinfrastruktur in der Stadt Zürich von 3,0 Tonnen CO2 pro Einwohner*in und Jahr auf 1,7 Tonnen gesenkt werden. Aber: Noch immer fallen 55 Prozent der direkten Emissionen im Gebäudebereich an. Hier liegt gleichzeitig das grösste Verbesserungspotenzial. Die Stadt will deshalb die Emissionen pro Kopf und Jahr im Zusammenhang mit Bauten bis 2040 um über 90 Prozent auf 0,13 Tonnen senken. Dafür soll unter anderem der Wärmebedarf um rund 20 Prozent reduziert werden. Erreichen will die Stadt die Senkung durch energetische Sanierungsmassnahmen wie Wärmedämmung und Fensterersatz und den Ersatz fossil betriebener Heizungen durch Wärmeversorgungssysteme, die erneuerbare Energien vor Ort nutzen. Dafür setzt die Stadt einerseits auf Förderbeiträge und andererseits auf den beschleunigten Ausbau der Fernwärme und Bau neuer Energieverbunde. Das ist ehrgeizig, denn gleichzeitig ist ein Bevölkerungswachstum von plus 90 000 Personen prognostiziert.

Kantonales Energiegesetz stösst auf Widerstand

Wie im einführenden Artikel erwähnt, bilden die kantonalen und bundesweiten Gesetze die Rahmenbedingungen für die städtischen Bestrebungen. Insbesondere das revidierte Energiegesetz enthält massgebliche Bestimmungen. So schreibt es vor, dass Neubauten nach aktuellem Stand der Technik gebaut und energieeffizient betrieben werden müssen, das heisst für Heizung, Warmwasser, Lüftung und Klimatisierung soll möglichst wenig Energie verbraucht werden. Weiter ist eine Eigenstromversorgung einzuplanen, die keine CO2-Emissionen aus fossilen Brennstoffen verursacht. In erster Linie setzt der Kanton auf Photovoltaik zur Solarstromerzeugung. Bei bestehenden Gebäuden müssen fossil betriebene Heizungssysteme bis 2035 durch erneuerbare Alternativen ersetzt werden. Voraussetzung dafür sind technische Machbarkeit und dass die neuen Systeme über den gesamten Lebenszyklus nicht mehr als fünf Prozent Mehrkosten gegenüber einer fossilen Heizung verursachen. Wird eine fossile mit einer weiteren fossilen Anlage ersetzt, sollen Effizienzmassnahmen erfolgen oder eine Solaranlage eingesetzt werden. Bei Gasheizungen wurde ein Kompromiss geschlossen: Diese dürfen durch Gasheizungen ersetzt werden, solange die gelieferte Energiemenge einen erneuerbaren Anteil von mindestens 80 Prozent aufweist. Insbesondere für die vorgesehenen Massnahmen der Stadt im Bereich Gebäudebau würde die Annahme des Energiegesetzes eine entscheidende Stärkung und Beschleunigung bewirken. Der Hauseigentümerverband (HEV) hat jedoch bereits angekündigt, dass er das Referendum ergreifen wird und erhält dabei Rückendeckung von der SVP. Zwar unterstütze der Verband die Stossrichtung des Gesetzes, die CO2-Emissionen aus Öl- und Gasheizungen weiter zu reduzieren. Er setze dabei aber auf Freiwilligkeit und Eigenverantwortung, statt auf Zwang und Vorschriften. Laut HEV würden Neubauten heute praktisch ausschliesslich durch erneuerbare Energien beheizt und auch bei Sanierungen seien Wärmepumpen in der Regel erste Wahl. «Die Schweiz und der Kanton Zürich sind in Sachen Klimaschutz längst auf Kurs», schreibt der Verband in seiner Mitteilung.

Fossile Heizungen werden immer noch überwiegend fossil ersetzt

Eine Untersuchung des Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft (AWEL) bestätigt diese Aussage zumindest im Bereich Sanierungen nicht: In der «Vollzugsuntersuchung Heizkesselersatz 2017» wurde bei Betreiber*innen von erneuerten Heizungsanlagen im Kanton Zürich nachgefragt, weshalb ein Heizkessel ersetzt wurde und ob nach alternativen Heizsystemen gesucht worden war. Dort zeigte sich, dass 78 Prozent der Befragten nicht nach Alternativen gesucht, sondern wieder dasselbe Heizsystem gewählt hatten. Als Begründung wurde oft genannt, dass keine Zeit für Abklärungen vorhanden gewesen sei – die Heizung durfte ja nicht zu lange ausfallen. «Die Auswertung der Dauer zwischen Offerteinholung und Heizungsersatz lässt allerdings in den allermeisten Fällen den Schluss zu, dass genügend Zeit für Abklärungen zur Verfügung gestanden hätte», so die Medienstelle des AWEL auf Anfrage. Auch die Resultate aus zehn Jahren Grundlagenforschung der «Energieforschung Stadt Zürich» zeigen eine andere Realität: Die Projektgruppe analysierte unter anderem zwischen 2010 und 2018 total 8736 Fälle von Heizungsersatz. Bei Gebäuden von privaten Eigentümerschaften wurden vier von fünf aller mit fossilen Energieträgern betriebenen Heizsysteme auch wieder durch fossile Anlagen ersetzt. Gasheizungen wurden in 91 Prozent der Fälle mit neuen Gasheizungen und nur in neun Prozent der Fälle durch Fernwärme oder Wärmepumpen ersetzt. Ölheizungen wurden entweder durch Gasheizungen (54 Prozent) oder neue Ölheizungen (26 Prozent) ersetzt. Wärmepumpen, Fernwärme oder Holzheizungen kamen vergleichsweise selten zum Einsatz. Gemäss einer Studie von Wüest & Partner aus dem Jahr 2015 werden schweizweit bei Einfamilienhäusern immer noch in über der Hälfte aller Fälle die fossil betriebenen Heizungen durch ein gleiches System ersetzt. Bei den Mehrfamilienhäusern sind es sogar über zwei Drittel.

Beim Neubau ist man auf gutem Wege

Direkt von den Bestrebungen der Stadt im Bereich Gebäudebau betroffen sind unter anderem die Architekt*innen. Der «Höngger» hat sich bei zwei renommierten Architekturbüros aus dem Quar­tier erkundigt, inwiefern ihre Ar­beit von den städtischen Klima­schutzzielen betroffen ist. Bei Kämpfen, Zinke + Partner AG, dem Pionier in Sachen energe­tisches und nachhaltiges Bau­en, sind sie bereits Programm: «Minergie P ECO ist bei uns Stan­dard, ob wir zertifizieren lassen oder nicht», sagt die Architektin Maren Zinke im Gespräch. «Das heisst, wir dämmen die Gebäude­hülle so optimal, dass es zu kei­nem Energieverlust kommt. Dabei spielt die Luftdichtigkeit eine ent­scheidende Rolle». Bei jedem Neu­bau und jeder Sanierung wird als erstes berechnet, wie viel Energie die Verbraucher, das heisst die Bewohner*innen und die Haus­technik benötigen. Mit Energie meint Zinke sowohl den Strom- als auch Warmwasserverbrauch und Heizbedarf. Ein ganzheitli­ches Energiekonzept wird erstellt, das Null oder Plus-Energiehaus entsteht. Ziel ist immer, dass das Gebäude den sogenannten Eigen­bedarf selbst deckt. Um dies zu erreichen, gibt es zahlreiche sinn­volle Massnahmen. Grossflächi­ge, vor allem gegen Süden aus­gerichtete Fensterflächen geben bereits Innenräumen ausreichend Energie, die mittels Speicherung in Steinböden zeitverzögert ab­gegeben wird. Schon durch diese verhältnismässig kleine Massnah­me muss weniger geheizt werden. Bei Neubauten wird standardmä­ssig Photovoltaik zur Stromge­winnung eingesetzt und teilwei­se mit Solarkollektoren gekoppelt, die Warmwasser produzieren. Auf fossile Heizungen verzichtet das Büro seit langem, «sie gehö­ren aus Gründen des Klimaschut­zes verboten» meint Maren Zinke. Bei sogenannten Plus-Energiehäu­sern kann eine zusätzliche Über­schussproduktion für Elektromo­bilität und Batteriespeicherung genutzt werden. So wurde bei ei­nem jungen, preisgekrönten Pro­jekt in Höngg die ganze Fassade mit Photovoltaik versehen, um au­tark zu sein. Das Erscheinungs­bild muss nicht technisch sein, sondern profitiert von der Vielfalt heutiger Fotovoltaikmodule: keramisch bedruckte Gläser, Strukturoberflächen, farbiges Glas, vieles ist möglich.

Das Problem der Grauen Energie

Kritiker*innen sagen, dass beim Bau eines Einfamilienhauses mit guter Energiebilanz mehr CO2-Emissionen verursacht werden, als das Gebäude in seiner gesam­ten Lebensdauer für die Behei­zung produziert. Für dieses Prob­lem gibt es einen Ausdruck: Man spricht von der «Grauen Energie». Die Zertifizierungsstelle MINER­GIE-ECO® definiert sie als «die ge­samte Menge nicht erneuerbarer Primärenergie, die für alle vorge­lagerten Prozesse – vom Rohstoff­abbau über Herstellungsprozesse bis zur Entsorgung – inklusive der dazu notwendigen Transporte und Hilfsmittel, erforderlich ist». Syno­nym wird sie auch als kumulier­ter, nicht erneuerbarer Energieauf­wand bezeichnet. Dem Architek­turbüro Kämpfen Zinke + Partner ist diese Problematik bekannt. Deshalb setzen sie bei ihren Pro­jekten nachwachsende Rohstoffe ein, der Fokus liegt dabei seit Jahr­zehnten im nachhaltigen Holzbau. Das Holz wächst in der Schweiz oder den grenznahen Gebieten Deutschlands und Österreichs und wird auch dort verarbeitet. «Wir kontrollieren sehr genau, woher das Holz kommt», sagt Zinke. Die Wege müssen kurz sein und die Zertifizierung des Holzes sei ein Muss. Für die Dämmung setzen sie meistens Steinwolle ein, die in der Schweiz produziert wird. «Beton, welcher herkömmlich verwendet die Eco-Zertifizierung nicht erfül­len würde, versuchen wir zu ver­meiden. Hier kommt ausschliess­lich der sogenannte Recycling-Be­ton und bei uns nur im Erdreich zum Einsatz» sagt die Architektin. Bei den Photovoltaikzellen ist es noch etwas schwieriger, Alterna­tiven zu finden. Die meisten Zel­len kommen heute aus China, es gibt jedoch bereits Firmen, die in Deutschland oder in der Schweiz Werke errichten, meint Zinke. Ne­ben den möglichst regionalen Lieferant*innen, lege man Wert darauf, mit Baufirmen aus Zürich und Umgebung zusammenzuar­beiten, um die Wege kurz und die Emissionen auch hier tief zu hal­ten, so Zinke.

Genügt das heutige Anreizsystem?

Einen etwas anderen Blick auf die Klimaschutzstrategie hat Architekt Marcel Knörr. Ihn stören weniger die formulierten Ziele – er selbst hatte sich im Gemeinderat schon früh für die Förderung von Erd­sonden eingesetzt – sondern die Art und Weise, wie man sie er­reichen will. Für ihn reichen die durch das aktuelle CO2-Gesetz ge­gebenen Anreize, wie Fördergelder bei Dachsanierungen oder Fenster­ersatz, bereits aus: «Meiner Erfah­rung nach sind die meisten gewillt, energetische Sanierungen an ihren Häusern durchzuführen», meint der Architekt. Durch die Erhebung von «Steuern», wie er die erhöhten Abgaben auf Öl und Benzin nennt, die im revidierten CO2-Gesetz vor­gesehen gewesen wären, würde ein Zwang ausgeübt. Bereits heute sei es auch bei Knörr Architekten Standard, dass Neubauten grund­sätzlich keine CO2-Emissionen aus fossilen Brennstoffen mehr ausstossen. Selbst bei der Sanie­rung von alten Häusern existieren gute Lösungen, diese energieeffizi­ent zu dämmen. Zu Schwierigkei­ten könne es aber zum Beispiel bei denkmalgeschützten Häusern kommen, die nur inwendig iso­liert werden könnten. «Bei nicht sachgerechter Bauweise kann es vorkommen, dass die Feuchtig­keit an den Holzbalken konden­siert und diese faulen lässt, sodass die Gefahr eines Balkenbruchs be­steht», so Knörr. Ein Thema in al­ten Häusern seien ausserdem die Gasheizungen. Hier sähe der Ar­chitekt im Biogas zumindest eine Übergangslösung. «Dass wir in Zu­kunft ganz von den fossilen Energi­en wegkommen müssen, sehe ich aber auch so», meint er. Manche Vermieter*innen von günstigem Wohnraum würden sich bewusst gegen eine kostspielige Sanierung entscheiden, weil die Wohnungs­mieten tief bleiben sollen. Damit spricht Knörr ein Thema an, dass auch die Stadt umtreibt: Den Ef­fekt von Sanierungen auf die Mietpreise.

Die Herausforderung der steigenden Mietzinsen

Wo saniert wird, steigen die Miet­preise, auch ganz ohne Ersatz fossil betriebener Heizungen. Das Forschungs- und Beratungs­unternehmen Infras rechnet da­mit, dass bei einer Annahme des Energiegesetzes bis 2040 jede zweite Mietwohnung in der Stadt von Sanierungen betroffen sein wird. Zwar rechtfertigten reine energetische Sanierungsmass­nahmen nicht die Kündigungen von ganzen Mieterschaften, meint der Stadtrat, jedoch lassen die meisten Hauseigentümer*innen bei einer Renovation auch gleich andere Arbeiten durchführen, welche ihnen die sogenannten «Leerkündigung» ermöglichen. Nach den Sanierungen dürfte es zu substantiellen Mietzinserhö­hungen führen, etwas, das die Gegner des Energiegesetzes als Argument verwenden. Es sei zu befürchten, dass vor allem vulne­rable Haushalte keine Ersatzwoh­nungen mehr finden können. Wie die Stadt der Herausforderung der «sozialverträglichen Umsetzung von Netto-Null» konkret begegnen will, ist noch unsicher. Die Rede ist von flankierenden Massnahmen. So prüft der Stadtrat die «Einführung neuer und den Ausbau bestehender finanzieller Beiträge zur Unterstützung von Gebäudesanierungen mit energiesparenden Effekten». Es sollen Anreize geschaffen werden, dass es möglichst zu keinen «Leerkündigungen und keine anschliessende Vermietung zu deutlich höheren Marktpreisen oder sonstige unzulässige Mietzinserhöhungen (…)» kommen soll. Beratungsstelle Klimabüro Die Thematik der Dekarbonisierung im Gebäudebereich ist komplex. Um Hauseigentümer*innen, KMU sowie die Gastronomie bei ihren Entscheidungen zu unterstützen, wurde eine Beratungsstelle geschaffen. Das sogenannte Klimabüro ist eine Anlaufstelle des Umwelt- und Gesundheitsschutzes Zürich, die das Fachwissen zu Klimaschutzthemen bündelt. Aktuell umfasst das Angebot Unterstützung und Begleitung bei Heizungsersatz und Gebäudesanierungen, KMU-Beratung sowie Angebote für Gastro betriebe rund um Foodwaste und Nachhaltigkeit bei Einkauf und Menüplanung.

Links
https://energieforschung-zuerich.ch
https://www.stadt-zuerich.ch/gud/ de/index/beratung_bewilligung/ klimabuero.htm

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