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Dorfleben

Von der «Handlung» zur Fusion

6. Mai 2015 von

Foto: Familienarchiv Kunz

Die Grossmutter Louise Kunz-Hänsler (links) vor ihrer Handlung auf einer Aufnahme ca. 1900. Ein Begriff im damals rund 3000 Einwohner zählenden Dorf Höngg: Man ging «zum Kunz-Hänsler».

Foto: Familienarchiv Kunz

Ebenfalls zirka 1900 aufgenommen, das Haus an der Limmattalstrasse.

Foto: Familienarchiv Kunz

Die Familie Kunz-Hurter 1945: (v.l.n.r.) Bruno als Rekrut, Mutter Anna, Fredy als Korporal, Tochter Margrit und der Vater als Wachtmeister. Familienarchiv Kunz

Foto: Familienarchiv Kunz

«Alle paar Jahre» wurde vor dem Haus der Graben aufgemacht: um das Telefon, das Elektrische oder die Kanalisation zu erstellen oder zu sanieren oder um den Dorfbach neu zu fassen. Die Kinder fanden das spannend, der Vater weniger, denn es schadete jeweils dem Geschäftsgang.

Foto: Familienarchiv Kunz

Die kleine Margrit Kunz (heute Reithaar) vor der «Handlung», ca. 1938, auf dem Weg zu ihrem ersten Botengang.

Von

Online seit
6. Mai 2015

Printausgabe vom
07. Mai 2015
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Die Fusion der Apotheke Höngg mit der Drogerie Hönggermarkt war für die Hönggerin Margrit Reithaar Anlass, um in der eigenen Familiengeschichte zu blättern – zurück zu den Ursprüngen der «Handlung» ihrer Grossmutter, der späteren «Dorfbach-Drogerie».

Im Jahr 1895 kamen meine Grosseltern väterlicherseits nach Höngg. Mein Urgrossvater  Hänsler hatte seiner Tochter Louise Hänsler das Haus mit der «Handlung» gekauft. In dieser konnte man, wie es damals üblich war, von Petrol über Kaffee, Zucker bis zum Salz hin alles kaufen, was man zum täglichen Leben so brauchte. Neben diesem Allerlei betrieb meine Grossmutter auch eine Modisterei, also eine Hutmacherei. Sie verkaufte auch sämtliche Mercerieartikel bis hin zu künstlichen Grabkreuzen aus «Chrälleli», Leichenhemden und Leichenkissen. Im Geschäft gab es auch eine der ersten öffentlichen Telefonstationen in Höngg. Mein Grossvater, Alfred Kunz I. aus Meilen, den Louise 1895 heiratete, betrieb eine Schnapsbrennerei, mit der er von Hof zu Hof auf die Stör fuhr.

Aus der «Handlung» wurde eine Drogerie

Als meine Grosseltern heirateten, brachte schon jedes eine Tochter mit in die Ehe, und zusammen bekamen sie 1896 Zwillinge geschenkt: meine Tante Lina und meinen Vater Alfred Kunz II. Mein Grossvater starb 1914, und als mein Vater Alfred Kunz II. 1920 meine Mutter, Anna Hurter, heiratete, übergab ihm seine Mutter das Geschäft. Als intelligenter, weitsichtiger Mann war meinem Vater bald klar, dass sein Laden auf die Dauer nicht reichen würde, um eine Familie zu ernähren, denn Lebensmittel- und Konsumverein, die etwa zu jener Zeit auf den Markt drangen, würden zu grosse Konkurrenten sein. Er liess sich an der Gewerbeschule – was damals möglich war – zum Drogisten ausbilden und stellte seinen Laden nach und nach zur Drogerie um. Da der Dorfbach ehemals ganz nah beim Haus vorbeifloss, nannte er sie «Dorfbach-Droguerie», das «Droguerie» im damals üblichen Französisch geschrieben. (Anmerkung der Redaktion: Der Dorfbach wurde exakt bei der Drogerie bereits 1879 vom damaligen Besitzer des Hauses auf einer Länge von 7.5 Metern mit Platten überdeckt. Siehe Mitteilungen Nr. 38 der ortsgeschichtlichen Kommission des Verschönerungsvereins Höngg, «Bäche und Brunnen im Dorf Höngg».)

Die drei Kinder halfen fleissig mit

Dem jungen Ehepaar wurden drei Kinder geschenkt: 1923 Alfred Kunz III., genannt Fredy, 1925 Bruno und 1931 kam ich, Margrit, das Nesthäkchen, zur Welt. Zusammen mit unserer Grossmutter, die auch im Haus wohnte, waren wir eine glückliche Familie, obwohl auch mein Vater unter der Wirtschaftskrise litt. Auch wir Kinder hatten unsere kleinen Arbeiten im Laden zu verrichten: Gestelle auffüllen, Kisten auspacken, Botengänge mit und ohne Leiterwagen gehörten dazu. Wir mussten zum Beispiel oft in die Apotheke zu Herrn Briner im Schwert (damals Limmattalstrasse 82, die heutige Nr. 124), entweder um etwas zu bringen oder auch um etwas abzuholen. Das war also quasi auch schon eine Fusionierung von Drogerie und Apotheke.

Zweiter Weltkrieg durchkreuzte Pläne

Im Frühjahr 1939 beendete mein Bruder Fredy seine Schulzeit. Es kam die Frage der Berufswahl. Gerne hätte er die Handelsschule besucht, aber der Vater rechnete damals schon mit Krieg und wusste, er selbst würde sofort eingezogen − und er sollte recht behalten. Also machte er Fredy den Vorschlag, in der Drogerie eine kaufmännische Lehre zu absolvieren, und später, wenn der Krieg vorbei sei, noch eine «bessere» Ausbildung zu machen. Und so kam es auch: Am 1. April 1939 begann Fredy seine Lehre, am 29. Juli wurde er 16 Jahre alt, am 1. September begann der zweite Weltkrieg, und am 2. September musste mein Vater einrücken – es war Generalmobilmachung und er kam bis Weihnachten nicht mehr heim. Zum Glück war er in der Kaserne in Zürich stationiert und sein Vorgesetzter ein verständiger Mann. So konnte Vater wenigstens jede Woche einmal abends heimkommen, um Fredy mit Rat und Tat beizustehen.

Harte Kriegszeit, in der alle noch mehr anpacken mussten

Die Kriegszeit war für uns alle sehr hart. Jedes von uns musste entsprechend seiner Kraft Arbeiten übernehmen. Fredy wirkte im Laden und unsere Mutter vertrat ihn, wenn er in die Berufsschule musste. Bruder Bruno zog nach der Schulzeit ins Welschlandjahr und begann danach eine Schreinerlehre, und ich, die Kleine, musste in der Küche und im Haushalt helfen. Fredy seinerseits ging nach der Lehre noch eine Zeit ins Welschland, um sein Schulfranzösisch zu verbessern, dann musste auch er einrücken – in die Rekrutenschule. Vermehrt stand meine Mutter zu jener Zeit im Laden. Sie war inzwischen eine versierte Geschäftsfrau geworden. Wussten wir, wozu es gut war?
Kaum war der Krieg 1945 zu Ende, erkrankte unser Vater an einem Krebsleiden und starb am 14. November 1945 – vier Jahre später starb auch unsere Mutter mit knapp 50 Jahren. Sie hatte seit Vaters Tod den Laden mit Unterstützung von Fredy selbständig geführt. Nun übernahm Fredy mit 26 Jahren die Drogerie.
Inzwischen waren auch die Grosseltern mütterlicherseits zu uns ins Haus gezogen, nachdem aber die Grossmutter gestorben war, besorgte uns eine Haushälterin den Haushalt, bis meine Brüder 1950 heirateten. Dank der Umsicht und Fürsorge meiner Brüder konnte ich bis zur Beendigung meiner Ausbildung als Handarbeitslehrerin im Haus leben.

Abbruch, Neubau und Verkauf

Fredy, jung verheiratet und bald glücklicher Vater einer Tochter, arbeitete mit voller Kraft in seiner Drogerie und hatte bald schönen Erfolg.
Schon seit den 1930er-Jahren war immer wieder die Rede vom Abbruch des Vorbaus gewesen, aber es kam nie dazu. Wohl wurde das Haus dann 1987 abgerissen und neu gebaut, aber die Limmattalstrasse ist noch immer gleich schmal geblieben. Einzig die Arkade brachte für die Fussgänger eine Verbesserung. Während der Abbruch- und Neubauzeit 1987/89 hatte Fredy sein Geschäft in die Wartau-Drogerie verlegt – die er bereits 1982 gekauft hatte − und als seine Drogerie am alten Ort wieder auferstanden war – neuer, schöner, luftiger – übernahm das Ehepaar Fontolliet am 30. November 1989 den Betrieb.
Fredy versetzte sich, wie er selbst sagte, in einen «aktiven Ruhestand». Er starb 2003 mit beinahe 80 Jahren. Mein Bruder Bruno starb 2005, ebenfalls mit 80 Jahren. Die Drogerie wurde zur Drogerie Hönggermarkt umbenannt, denn vom Dorfbach, der längst  ganz eingedolt worden war, weiss ja sowieso niemand mehr.
Als mich die Neuigkeit von der Fusion von Drogerie und Apotheke zur neuen Rotpunkt Apotheke & Drogerie Hönggermarkt AG erreichte, musste ich an die frühere Zusammenarbeit mit Vater und Apotheker Briner denken − und ich hoffe, dies sei ein gutes Omen für gutes Gelingen!

Eingesandt von Margrit Reithaar

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