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Leitartikel 2 Kommentare

Verdichten statt ausweiten

11. April 2018 von

Foto: Fredy Haffner

Sicht auf den Hönggerberg von Altstetten aus. Stadtmodell im Amtshaus IV

Foto: Grafik: EM2N / ETH Zürich

Der Campus Hönggerberg soll sich in mehreren Etappen innerhalb des bestehenden Perimeters nach innen entwickeln.

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11. April 2018

Printausgabe vom
12. April 2018
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Die Geschichte der ETH Hönggerberg kommt in diesem vorerst letzten Teil in der Gegenwart an. Da das Bauvolumen auf dem Perimeter schon bald ausgeschöpft sein wird, müssen die Sonderbauvorschriften angepasst werden.

Waren es um die Jahrtausendwende noch rund 9000 Studierende und Mitarbeitende auf dem Campus Hönggerberg, zählte die ETH 2016 über 11’500 Personen, die an ihrem zweiten Standort studierten und arbeiteten. Bis zum Jahr 2020 rechnet die Institution mit 13’500, bis 2040 gar mit über 20’000 Personen. Doch nicht nur Menschen benötigen Platz, auch neue Technologien, zum Beispiel in der Medizintechnologie oder in der Architekturrobotik, erfordern Raumkapazität. Mit ihrer Zwei-Standorte-Strategie hat die ETH entschieden, sich auf das Zentrum und den Hönggerberg zu konzentrieren, mit dem Grundsatz «Innenverdichtung statt Aussenentwicklung». Die Entwicklungsmöglichkeiten im Zentrum sind für die ETH Zürich allerdings begrenzt, und die Umsetzungen werden sich durch die Aufhebung der drei Gestaltungspläne durch das Baurekursgericht möglicherweise noch etwas verzögern. Auf dem Standort Hönggerberg will die ETH das allgemeine Wachstum auffangen und Platz für neue Ideen schaffen.

Bauvolumen ausgeschöpft

Bereits 2015 hatte die Hochschule ausgerechnet, dass sich der Bedarf an Baumasse bis 2040 von 1’210’000 auf 1’900’000 Kubikmeter erhöhen würde. Ende 2015 waren 87,7 Prozent der in den Sonderbauvorschriften «ETH Hönggerberg Science City» festgelegten maximalen Baumasse ausgeschöpft, nach 2020 würden sie durch die geplanten Neubauprojekte sogar überschritten. Um weitere Bauvorhaben realisieren zu können, wurde deshalb die Überarbeitung der Sonderbauvorschriften nötig. Die ETH beauftragte in der Folge unter Einbezug des Kantons und der Stadt Zürich drei Teams mit einer Testplanung für das Gebiet auf dem Hönggerberg. In drei Workshops und einer Schlussveranstaltung wurden die Beiträge besprochen. Man kam unter anderem zum Schluss, dass der zusätzliche Flächenbedarf zu grossen Teilen innerhalb des gegebenen Perimeters abgedeckt werden könne. Weiterhin war kein Anschluss an die Quartiere Höngg und Affoltern vorgesehen, der Insel-Charakter sollte bestehen bleiben. Nach Abschluss der Testplanung entschied man sich, den Beitrag des Teams EM2N und Schmid Landschaftsarchitekten zum «Masterplan 2040» weiter zu verarbeiten. Ziel ist eine «gefasste Insel mit Portal-Situationen unter einer verträglichen Höhenentwicklung», schreibt der Stadtrat in einem Protokoll vom 7. Dezember 2016.

Weiterentwicklung des Masterplan «Science City»

Im Grunde sei der Masterplan «Science City» schon sehr gut gewesen, meint Katja Kalkstein, Projektleiterin des Masterplan 2040. Man habe an vielem festgehalten, zum Beispiel an der Idee einer Ringstrasse, die den Campus umgibt und ihm so eine Kontur verschafft. Sie soll aber nicht durchgehend asphaltiert werden, sondern vielleicht als Baumalleen ausgestaltet sein. Oder am Ziel, die Erdgeschosse mit öffentlichen, publikumsorientierten Nutzungen zu bespielen, vor allem auch entlang der Hauptachse, damit ein Stadtquartier-Gefühl erreicht werden kann. «Die Freiräume waren schon früher ein wichtiges Thema. Im neuen Masterplan haben wir ihnen mehr Gewicht gegeben und ein Konzept entworfen, das drei Hauptgrünräume vorsieht: Den bestehenden Albert-Steiner-Garten, der im Inventar der Gartendenkmalpflege steht, eine Erweiterung des Flora-Ruchat-Roncati-Gartens, der ebenfalls schon im Science City Masterplan vorgesehen war, und eine neue Parkanlage, eine Art <Square> in der Nähe der Studentenwohnsiedlung», erklärt Kalkstein. Was sich verändert habe, sei die Struktur, meint Vize-Präsident Personal und Ressourcen, Ulrich Weidmann. Man sei weggekommen von vielen kleinen Kuben und Volumen, die die Fläche ausfüllen, stattdessen enthalte der neue Masterplan vier gezielt gesetzte grössere und höhere Gebäude, die dafür mehr Freiräume lassen. Und spricht damit einen sensiblen Punkt des Masterplan 2040 an: Die Hochbauten, oder sogenannte «Hochpunkte». «Wir sind uns bewusst, dass die Hochbauten und die Verkehrserschliessung durch den öffentlichen Verkehr die beiden Themen sind, die die Bevölkerung am stärksten beschäftigen», stellt er fest. Konkret geht es um zwei neue Gebäude, die im Zentrum und am Portal Affoltern vorgesehen sind, mit einer Höhe von 50 bis 80 Metern und zwei weitere, mit 30 bis 50 Metern etwas niedrigere Gebäude am Portal Höngg und im Zentrum. Das südliche Portal befindet sich zwar innerhalb der Eigentumsgrenze, aber ausserhalb des 2005 definierten Perimeters. Dieser soll mit dem neuen Masterplan an dieser Stelle angepasst werden. «Die Eingangsportale haben eine wichtige Funktion im Masterplan», meint Kalkstein, «sie bilden eine Verbindung zu den Quartieren und sollen auch entsprechend mit öffentlichen Nutzungen bespielt werden und eine einladende Ausstrahlung haben». Vizepräsident Weidmann betont aber auch, dass der Masterplan kein Bebauungsplan sei, sondern ein flexibles Planungsinstrument darstelle, das verschiedene Möglichkeiten der Entwicklung zulasse. Für die Kommunikation über die Planung sei das eine Herausforderung, weil man heute nicht jede Entwicklung in Lehre und Forschung schon kenne und entsprechend Gebäude planen müsse, die sich flexibel auf neue Trends in Lehre und Forschung anpassen lassen. Die Forschung entwickle sich in Gebieten wie der Mikroelektronik, Informatik oder in den Gesundheitswissenschaften so rasant, dass es fast unmöglich sei, im Detail Prognosen darüber zu machen, welche Infrastruktur es in Zukunft brauchen könnte. Ein solches Beispiel ist die Architekturrobotik, für die die ETH 2016 das «Arch_Tech_Lab» eröffnet hat. In diesem Gebäude werden neueste digitale Technologien für die Architektur entwickelt: «Dieser Forschungszweig hat in den letzten Jahren einen rasanten Aufschwung erlebt und stellt neue Anforderungen an Raum und Infrastrukturen», erzählt Weidmann. Deshalb setze man heute vermehrt auf Flexibilität und denke eher in Optionen als in fixen Plänen. Was man allerdings sicher sagen kann, ist, dass keine weiteren studentischen Wohnsiedlungen entstehen werden, sondern die Priorität auf Forschung, Lehre und Transfer gelegt wird.

Denkmalschutz

2016 kam es zu einem kurzen Schreckensmoment, als das Bundesamt für Kultur (BAK) das Inventar schützenswerter Ortsbilder der Schweiz (Isos) für den Kanton und die Stadt Zürich vorlegte. Darin war der gesamte Campus Hönggerberg dem «Erhaltungsziel C» zugeordnet, welches vorgibt, dass der Charakter des bestehenden in den wesentlichen Elementen erhalten bleiben soll. Für die ältesten «Steiner-Bauten» gilt «Erhaltungsziel A», bei diesen muss die «Substanz erhalten bleiben». Dies entspricht auch der Einstufung durch die städtische Denkmalpflege, die die Steiner-Gebäude als schutzwürdig deklariert. «Für den aktuellen Masterplan bedeutet das, dass wir den ältesten Teil des Campus mit den Steiner-Gebäuden nicht verdichten und überbauen können. Auch darum haben wir die Hochhäuser gezielt an bestimmte Punkte gesetzt», erklärt Ulrich Weidmann. Gebäude sind immer auch Zeitzeugen bestimmter Arbeitsabläufe. Glücklicherweise seien die Steiner Liegenschaften sehr durchdacht und funktional errichtet worden. «Der Architekt Albert Steiner war sehr weitsichtig, das ermöglicht es uns, auch heute noch effizient darin arbeiten zu können». Es gibt allerdings zwei niedrige Pavillons direkt an der Hauptachse, die zurzeit als Werkstätten genutzt werden und ebenfalls inventarisiert sind. «Dort wurde uns in der Testplanung empfohlen, sie längerfristig zu ersetzen und besser zu nutzen, damit die Strasse belebter wird», erzählt Kalkstein. «Es wird aber die Aufgabe kommender Generationen sein, dort einen Weg zu finden, mit diesen Schutzobjekten umzugehen». Das BAK teilte der ETH auf Anfrage mit, dass die gemäss Masterplan 2040 vorgesehenen Eingriffe oder Ersatzbauten zwar leicht beeinträchtigen, aber die baukulturellen Qualitäten nicht erheblich schmälern würden. Deshalb stufe es den Masterplan als vereinbar mit den Isos-Richtlinien ein.

Was als nächstes ansteht

Neben verschiedenen Sanierungen, die das Erscheinungsbild des Campus durchaus auch verändern werden, steht der Bau des HI-Clusters demnächst an. Es handelt sich dabei um eines von vier Cluster-Gebäuden, die es ermöglichen werden, alle ETH-Liegenschaften an ein Anergie-Netz anzuschliessen. «Wir brauchen hier oben sowohl Wärme zum Heizen, als auch Kälte», erklärt Weidmann, «mit Hilfe von Erdsonden kann je nach Saison beides im Boden gespeichert und bei Bedarf bezogen werden». Langfristig arbeitet die Eidgenössische Technische Hochschule daran, ganz ohne zusätzliche Wärme- und Kühlungsenergie auf dem Hönggerberg durchzukommen. Was die Verkehrserschliessung angeht, ist man mit der Stadt Zürich im Gespräch, die Verbindung für die Velozubringer zu verbessern. Am vergangenen Freitag öffnete eine E-Bike-Station der Züri-Velo auf dem Hönggerberg. Der ETH-Link, der das Zentrum und die ETH Hönggerberg beinahe im 10-Minuten-Takt verbindet, transportiert täglich bis zu 5000 Fahrgäste und entlastet so die regulären VBZ-Linien. «Wir sind ausserdem daran, mit der VBZ und dem ZVV eine Verbesserung auf den Linien 80 und 69 zu erreichen, dies innert nützlicher Frist», verrät Vize-Präsident Weidmann.

Politischer Prozess beginnt

Voraussichtlich anfangs Juni beginnt die öffentliche Auflage der Sonderbauvorschriften. Während 60 Tagen erhalten alle interessierten Personen die Möglichkeit, sich schriftlich zum Planinhalt zu äussern. Nachdem alle eingetroffenen Zuschriften von der zuständigen Behörde behandelt wurden, wird dem Stadtrat die überarbeitete Fassung, zusammen mit einem Bericht über die nicht berücksichtigten Einwendungen, unterbreitet. Beschliesst dieser die Annahme, geht das Geschäft an den Gemeinderat über, der dann das letzte Wort hat. Die Kerngruppe (Quartierentwicklungsgruppe) und der Vorstand Quartierverein Affoltern haben bereits eine Petition lanciert, die fordert, dass das vorgesehene Portalgebäude auf der nördlichen Seite des Campus der ETH Hönggerberg nicht 80, sondern nur 40 Meter, wie auf der Höngger Seite, hoch gebaut werden soll.

Weitere Veranstaltungen zum Thema
Die ETH Zürich lädt zusammen mit der Stadt Zürich und den Quartiervereinen Affoltern und Höngg zu Informations- und Dialogveranstaltungen rund um das Thema «Weiterentwicklung Campus Hönggerberg» an folgenden Daten ein:
Höngg: 5. Juni, 18.30 Uhr im HCI G 3 auf dem Campus Hönggerberg
Affoltern: 6. Juni, 18.30 Uhr im Hotel Kronenhof in Affoltern

Masterplan Hönggerberg 2040 – Die langfristige bauliche Entwicklung des Campus Hönggerberg. Dienstag, 22. Mai, 18.15 bis 19.15 Uhr. ETH Hönggerberg, Gebäude HIL, Stefano-Franscini-Platz 5.

Bereits erschienen:
15. März, «Als die ETH nach Höngg kam»
29. März, «Ein Stadtquartier entsteht», zum Masterplan Science City www.hoengger.ch/archiv/fokus

Kommentare

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500
13. April 2018 um 15:47 Uhr von Höngg Natur

Wie soll ich mich mit z. B. Silikon Herz Forschung anfreunden können wenn mir die überbevölkerung in naher Zukunft vielleicht überdimensionale Probleme zeigt die die Welt bedrohen?
Für mich und meine Familie ist und bleibt hoffentlich der Hönggerberg ein Erholungsgebiet für eine breite Bevölkerung!
Sience Center kann ich nur (bedingt) befürworten, wenn es nicht in Hönggerberg überdimensioniertwird!!
Freiräume in der Natur werden eh immer rarer. Stopp den Pseudoforschungen für „unser“ Wohlbefind!

12. April 2018 um 19:17 Uhr von Diener Luca

Vielen Dank für diese wertvolle Informationen. Toll, dass der Höngger hier informiert. Leider ist der Titel „Verdichten statt ausweiten“ ziemlich widersprüchlich, denn Höngg hat zusehr Dorf-Charakter, als dass ein Verdichten überhaupt Thema wäre. Leider muss man feststellen, dass im Namen der Ausbildung/Forschung bereits massiv ausgeweitet wurde. Sinnvollerweise sollte man dort verdichten, wo bereits Dichte besteht – und das ist im Stadtzentrum.