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27. Juni 2018 von

Leicht und lieblich, kraftvoll und präzis: Die Sinfonietta im reformierten Kirchgemeindehaus Höngg.
Foto: Oliver Seme

Leicht und lieblich, kraftvoll und präzis: Die Sinfonietta im reformierten Kirchgemeindehaus Höngg.

Von

Online seit
27. Juni 2018

Printausgabe vom
28. Juni 2018
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Die Sinfonietta Höngg begeistert mit einer vielseitigen, berührenden Serenade.

Anlässlich ihres Programms Wiener Facetten hat die Sinfonietta Höngg ihr Konzert von der Reformierten Kirche in den Saal des reformierten Kirchgemeindehauses verlegt, der einerseits deutlich mehr Zuschauer fasst, aber auch oben auf der Bühne mehr Platz hat. Platz, der gebraucht werden wird, wie sich schnell zeigt: sie kommen.

Beim Stimmen klingen alle Orchester gleich. Dieses lebendige, vorsichtig optimistische Durcheinander von Tönen und Musiker*innen, letzte Anpassungen am Instrument und an der Konzentration. Dann Applaus, der Dirigent betritt die Bühne, begrüsst seine Musiker*innen, das Publikum, senkt den Kopf, der Applaus ebbt ab, Stille.

Der zügige Anfang von Haydns Divertimento vertreibt sofort alle Anspannung, die konzentrierte Verspieltheit der Streicher*innen lädt das Publikum, leichtfüssig und freudenvoll, zu den ersten Schritten einer Reise aus dem Höngger Gemeindesaal direkt in die Wiener Klassik ein.

So leicht der Einstieg war, so kraftvoll und präzise geht es weiter mit Schuberts erster Sinfonie, in der sich eine Ernsthaftigkeit und Schwere andeuten, die noch zunehmen, wenn man dabei an den sechzehnjährigen Jungen denkt, der tief genug fühlen konnte, und dabei klar genug sehen, um diese Musik zu schreiben. Vor allem im zweiten Satz, wo das Liebliche sehr bald dem Melancholischen, sanft Bedrohlichen weicht, wird klar, welche Richtung das Werk dieses Unvollendeten nehmen wird, und fast ist man dankbar für die versöhnlichen Streichermotive nach den eindringlichen Bläsern, und für einen Dirigenten, der sich im Takt so nah zu seinen Musiker*innen neigt, dass er die vordere Reihe beinahe berührt. Nach dem etwas langsamen dritten Satz wirkt das Tempo des vierten umso mitreissender, das präzise, gleichmässige Crescendo macht auch die letzte im Raum bereit für das furiose Finale. Was soll denn danach noch kommen? Ach ja. Mahler.

Vielleicht ist es die Sommerhitze, vielleicht der Zustand der Welt, aber etwas an dieser bezaubernden, raffinierten Gemeinheit, tröstende Harmonien immer wieder überraschend in zutiefst verunsichernde Akkorde aufzulösen, hat etwas sehr Zeitgemässes, und als die Klangteppiche kunstvoll ineinandergewoben werden, beginnt man zu ahnen, dass es dieselbe Schönheit ist, die einen manchmal aufrichtet und manchmal niederwirft. Vor diesem Hintergrund wirkt die gezielt unscharfe Überleitung zur Harfe wie eine versuchte Flucht; doch spätestens beim lauten Bravo-Ruf aus dem Publikum sind alle wieder im Hier und Jetzt, nach einem scheinbar nicht enden wollenden letzten Ton, in dem die ganze Zerrissenheit zweier Epochen deutlich wird: der, in der Mahler wirkte, und der, in der die Sinfonietta spielt.

Die ungarischen Tänze von Brahms am Schluss zeigen noch einmal die ganze Souveränität des Orchesters und seines Leiters, ein Fest aus Konzentration und Freude, vor allem der bekannteste letzte, eine überzeugende Aufforderung zum Tanzen, zum Lachen, zum Träumen.

Eingesandt von Heinz Helle

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