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Leitartikel

Senioren werden wieder zu Schülern

15. März 2016 von

Foto: Malini Gloor

In langen Reihen sassen sich für einmal ältere Schüler und jüngere Lehrer gegenüber.

Foto: Malini Gloor

Die Stimmung war lockerund trotzdem konzentriert.

Von

Online seit
15. März 2016

Printausgabe vom
17. März 2016
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Der erste Teil des Handykurses für Senioren im reformierten Kirchgemeindehaus war ein voller Erfolg – für beide Seiten: Für die Senioren, die viel lernten, und auch für die Konfirmanden, die ihr Wissen weitergeben konnten.

Das Bedürfnis ist gross: 23 Seniorinnen und fünf Senioren im Alter von 65 bis 88 Jahren sind am ersten Teil des zweiteiligen Handy-Kurses anwesend – sechs liessen sich gar auf die Warteliste setzen und müssen sich nun bis auf ein anderes Mal gedulden. Zusammen mit über 30 Konfirmandinnen und Konfirmanden zwischen 13 und 15 Jahren sitzen die älteren Menschen, die für heute wieder einmal Schüler sind, im reformierten Kirchgemeindehaus und hören der Einführung von Simon Obrist zu. Er ist zusammen mit Tanja Pulfer seit Januar die neue Ansprechperson der Sozialdiakonie für Jugendliche und junge Erwachsene der reformierten Kirche Höngg.

Während dem Beten klingelte das Handy

Mit seiner sympathischen Art hat Simon Obrist Jung und Alt schnell für sich gewonnen. Untermalt von schauspielerischen Einlagen gibt er folgende Anekdote zum Besten: «Vor zwei Wochen war ich in der Höngger Kirche, Pfarrerin Annemarie Müller betete zum lieben Gott im Himmel – und ‹trr trr trr› unterbrach Handygeklingel die Stille. Die betroffene Dame wühlte in ihrer Handtasche, während die Pfarrerin intensiv weiterbetete. Doch die Aufmerksamkeit aller galt viel mehr der Dame, der man leise wünschte, sie möge den richtigen Knopf bald finden…» Dass so etwas nicht passiert, dafür sind an zwei Mittwochnachmittagen die anwesenden Konfirmandinnen und Konfirmanden der Kirchgemeinden Höngg und Oberengstringen mittels ihrer Schulung «zuständig». Dann werden Zweier-Grüppchen gebildet, denn die Betreuung soll eins zu eins stattfinden. Aus früheren Handy-Kursen – er wird seit 2011 von der reformierten Kirche Höngg angeboten – hatte man gelernt, dass grössere Gruppen wenig bringen, da jeder ein anderes Handy und meist auch andere Fragen hat.

Stirnrunzelnd über Mobiltelefone gebeugt

Kurz darauf sitzen die Zweier-Teams in den verschiedenen Räumlichkeiten des Kirchgemeindehauses und beugen sich über die Handys. Vom ganz neuen Smartphone bis zum älteren Modell oder speziellen Senioren-Handy ist alles zu sehen. Manche «Schüler» haben einen Notizblock dabei und schreiben sich das Gelernte gleich auf, andere haben die Gebrauchsanleitung ihres Telefons mitgebracht und studieren diese zusammen mit ihren jungen «Lehrern».
Der Wissensstand ist unterschiedlich: So muss der einen Dame erklärt werden, dass die dauernde Swisscom-Anzeige auf dem Display stehe, weil dies ihr Telefonanbieter ist, eine andere Dame antwortet auf die Frage «Kennen Sie WhatsApp?» mit «Ja, meine Tochter hat es mir eingerichtet».
Spannend zu sehen ist, wie die beiden Generationen gut miteinander zurechtkommen: Da und dort wird während des «Unterrichts» auch einmal gelacht, während man an anderen Orten zusammen die Stirn runzelt und hochkonzentriert arbeitet.

Die Angst vor dem Handy genommen

In der Pause bei Getränken und etwas Süssem sitzen die meisten Konfirmanden bei ihren «Schülern», es wird auch über Privates geplaudert. Danach geht es zügig weiter, Gelerntes kann die Woche über daheim vertieft und ausprobiert werden, und am zweiten Kursnachmittag werden allfällige noch vorhandene Fragen geklärt.
Was halten die Teenager vom Nachmittag? «Meine Schülerin hat vom Klingelton bis zu den zu installierenden Apps sehr schnell alles verstanden, was ich ihr bis jetzt beibrachte», so eine Konfirmandin. Für die jungen Menschen zählt der Handy-Kurs zu den Workshops, die sie im Rahmen des Konfirmationsunterrichts besuchen sollen. Gezwungen, heute Nachmittag teilzunehmen, fühlt sich aber niemand. Auch auf der Senioren-Seite klingt es positiv: «Ich habe bereits ein erstes SMS an meine Tochter gesendet, und sie hat mir sofort freudig zurückgeschrieben. Bisher schlich ich wie die Katze um den heissen Brei um mein Handy herum, das ist jetzt vorbei.»

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