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Schulen in Höngg, letzter Teil: Wie Menschen lernen

16. Juni 2015 von

Foto: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich

«Lehrpersonen gehören zu den wirkungsvollsten Einflüssen beim Lernen», sagt John Hattie – und das beginnt bereits ganz früh, wie hier auf einer undatierten Aufnahme des Kindergarten Bläsi.

Foto: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich

Szene aus einem Klassenzimmer des Schulhauses Vogtsrain in den 1970ern: klassischer Frontalunterricht dominierte noch, doch jüngere Lehrkräfte wandten sich bereits anderen Unterrichtsformen zu.

Foto: Fredy Haffner

Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827), dessen Grossvater Andreas Pestalozzi als reformierter Pfarrer in Höngg gewirkt hat, formulierte seinen ganzheitlichen Ansatz mit der bekannten «Dreifaltigkeit» Kopf, Herz und Hand, die für Intellekt, Sitte und praktische Fähigkeiten steht. Die Tafel an der Kirche Höngg erinnert an ihn.

Foto: Archiv «Höngger»

«Kopf, Herz und Hand», was Pestalozzi meinte, wird am anschaulichsten anhand des Kochunterrichts sichtbar.

Von

Online seit
16. Juni 2015

Printausgabe vom
18. Juni 2015
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Zum Abschluss der Artikelserie über «Schulen in Höngg» geht der Autor der Frage nach, welche Bedingungen das Lernen am wirkungsvollsten unterstützen. Ergänzt werden seine Überlegungen mit Hinweisen auf den «Hattie-Bericht», der 2013 nicht nur in Schul-Fachkreisen für Aufsehen gesorgt hat.

«Wir lernen nur von jenen, die wir lieben» − von dieser Weisheit ist der Schreibende zutiefst überzeugt. Man mag nun einwenden, Kinder oder Erwachsene könnten oft auch schwierige Situationen bewältigen, ja würden von äusserem Druck und Herausforderungen geradezu angespornt. Das trifft unter einer ganz bestimmten Voraussetzung zu: Die Lernprozesse finden in einem wohlwollenden Grundklima statt, das Fehler nicht bestraft, sondern als Lerngelegenheiten begrüsst werden. Wer als Kind über längere Zeit einem lieblosen, unterdrückenden oder gewalttätigen Milieu ausgesetzt ist, verfügt letztlich nur noch über zwei «Lern»-Optionen: Er wird entweder gegenüber Schwächeren selber zum Unterdrücker und setzt alles daran, in der sozialen Hackordnung stets oben zu bleiben. Oder er wendet die Aggressionen gegen sich selber und entwickelt psychische Störungen, die oft in eine Sucht führen und im Erwachsenenalter nur mit grösster Anstrengung überwunden werden können. Ausnahmen von dieser Regel − damit sind Kinder gemeint, die auch grobe Schwierigkeiten während des Aufwachsens weitgehend unversehrt überstehen − bezeichnet man als Resilienz. Deren Wurzeln liegen sowohl in der genetischen Ausstattung wie im Glück, ausserhalb des eigenen, schädigenden Umfeldes auf Erwachsene zu treffen, zu denen das Kind eine von Vertrauen geprägte Beziehung aufbauen kann.

«Antiautorität» ist nicht gleich Vernachlässigung

Über den Schulreformer Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) wurde im ersten Teil dieser Artikelserie bereits berichtet. Ein moderner Pionier humanistischer Lernformen war der Schotte A.S. Neill (1883-1973), dessen Buch: «Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung – das Beispiel Summerhill», 1969 für viele, auch für den Schreibenden, eine Offenbarung bedeutete. Neill selber hat den reisserischen Titel der deutschen Übersetzung und den Begriff «Antiautorität» stets abgelehnt. Er befürchtete, dass sein philosophisch-pädagogischer Ansatz mit einem verwöhnenden oder vernachlässigenden Erziehungsstil verwechselt werden könnte. Tatsächlich wird «Antiautorität» seit Jahrzehnten schlecht geredet und für allerlei Missstände verantwortlich gemacht. Diese sind aber in erster Linie Umwälzungen in Wirtschafts-, Arbeits- und Familienstrukturen, in Wissenschaft und Technik sowie den daraus resultierenden konsum- und genussorientierten Lebensstilen geschuldet.
Hierzu nur ein (banales?) Beispiel: Die Klagen über unsere ausgangswütige, dabei Alkohol oder andere Drogen konsumierende und im Rausch nicht selten gewalttätige Jugend sind nur allzu bekannt. Der Hauptauslöser dieser Entwicklung war die Deregulierung des Clubwesens, verbunden mit der Abschaffung der Polizeistunde und der Einführung von Nacht-ÖV an Wochenenden: Wirtschaftsliberales Laisser-faire zugunsten von renditeversprechendem Konsum, nicht «antiautoritär» erziehende Eltern! Man darf diese neuen Freiheiten, die von einer Mehrheit zur genussvollen Entspannung genutzt werden, durchaus begrüssen, müsste die «Nebenwirkungen», die sie begleiten, aber richtig verorten. Um beim Thema zu bleiben: Auch Ordnungsstrukturen haben einen wesentlichen Einfluss darauf, was und wie Menschen lernen.
Wer sich seriös mit dem Buch von A.S. Neill auseinandersetzt, erkennt schnell, worum es ihm ging: Er übertrug den Grundsatz der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht konsequent, der jeweiligen Entwicklungsstufe der Lernenden angemessen, auf den Umgang zwischen Lehrkräften und Schülern. Was soll daran schlecht sein?

Zurück in den Mittelpunkt

Nun rückt die moderne Bildungswissenschaft die Persönlichkeit jener, von denen wir lernen, sowie die Art und Weise, mit der sie die Perspektive der Schüler wahr- und ernstnehmen, wieder in den Mittelpunkt gelingender Lernprozesse. Das ist ein erfreuliches Ergebnis in einer derart von Technik und Maschinen dominierten und abhängigen Welt wie der heutigen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Mit diesen Ausführungen sollen nicht etwa moderne Lernmethoden wie computergestütztes und selbstorganisiertes Lernen abgewertet oder gegen den lehrerzentrierten Frontalunterricht, der bis in die 70er-Jahre vorherrschte, ausgespielt werden. Es geht darum, den Prinzipien von wirkungsvollem Lehren und Lernen nachzuspüren.

Die Lehrperson ist entscheidend

In die Arbeit von John Hattie, einem 1950 in Neuseeland geborenen Bildungsforscher, sind mehr als 800 Meta-Analysen, die wiederum über 50‘000 Einzelstudien zusammenfassen, eingeflossen. Insgesamt werden Daten von 250 Millionen Schülern ausgewertet. Seine Schlussfolgerungen hat er 2013 im eingangs erwähnten «Hattie-Bericht» veröffentlicht. Aus all den Zahlen generiert Hattie eine ganz persönliche Botschaft: «Lehrpersonen gehören zu den wirkungsvollsten Einflüssen beim Lernen. Lehrpersonen müssen direktiv, einflussreich, fürsorglich und aktiv in der Leidenschaft des Lehrens und Lernens engagiert sein».
Nun gibt es Forschungsaussagen, wonach die Bildungsnähe der Eltern und deren Beteiligung an der Schule sowie die Gruppe der Gleichaltrigen eine ebenso grosse, wenn nicht gar wichtigere Rolle spielten als der Unterrichtsstil oder die Persönlichkeit des Lehrenden. Das ist allerdings kein Widerspruch zum Hattie-Bericht, denn dieser fokussiert auf Faktoren, die veränderbar sind. Aufgrund eigener Erfahrungen seien drei von sieben «Wegweisern», die John Hattie Lehrenden auf der ganzen Welt mitgibt, hervorgehoben:
Zum einen müssen gemäss Hattie Lehrer das Lernen durch die Augen ihrer Schüler sehen und eine genaue Vorstellung entwickeln, wie der Lernprozess beim Einzelnen abläuft. In der Regel geschieht im Kopf des Schülers nicht das, was sich die Lehrperson bei der Vorbereitung einer Lektion vorstellt. Und letztlich entscheiden die Lernenden selbst, was sie lernen werden. Hattie spricht deshalb von der Wichtigkeit des Feedbacks zwischen Lehrenden und Lernenden während des gesamten Lernprozesses. Das ist im Kern mit «Lernen sichtbar machen» gemeint – und didaktisch sehr anspruchsvoll. Zum zweiten ist es gemäss Hattie entscheidend, alles Üben in Lernformen höherer Ordnung einzubinden. Denn: Üben ohne Bezug zu einem herausfordernden Ziel sei stumpfsinnig, repetitiv und wirke dem Engagement der Schüler für das Lernen entgegen. Und nicht zuletzt hält er es für wichtig, dass die Lernenden eine tiefe Grundlage an Faktenwissen erwerben und einen konzeptuellen Rahmen, eine Art geistigen Kompass entwickeln, damit sie in der Lage sind, neues Wissen und Informationen, zum Beispiel auch aus dem Internet, aufzunehmen, einzuordnen und zu verarbeiten.

Quellen:
– «Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung – das Beispiel Summerhill» von A.S. Neill, Reinbek: Rowohlt Taschenbuch 1969, ISBN 3499167077
– «Lernen sichtbar machen», von John Hattie, übersetzt und überarbeitet von Wolfgang Berwyl und Klaus Zierer, Schneider Verlag, 2013, ISBN 978-3-8340-1190-9

 

Markus Eisenring leitete von 1988 bis 2003 die Jugendsiedlung Heizenholz, heute Wohn- und Tageszentrum Heizenholz. Er wohnt an der Bläsistrasse in Höngg. Seit 2012 in Pension geht er diversen Freiwilligen-Engagements nach, u.a. als Tixifahrer und als Schülerbegleiter im Rahmen der Organisation Arche.

 

Alle Artikel
15. 1. 2015: Eine Reise durch vier Jahrhunderte
29. 1. 2015: Der Schulpräsident und die Schulpflege
5. 2. 2015: Lachenzelg und Imbisbühl: Die Oberstufe
26. 2. 2015: Vogtsrain mit Wettingertobel
12. 3. 2015: Das Schulhaus Rütihof
26. 3. 2015: Riedhof-Pünten
30. 4. 2015: Am Wasser
21. 5. 2015: Bläsi
Der «Höngger» dankt dem Autor für die ehrenamtlich verfasste Artikelserie.
Alle Artikel abrufbar unter www.höngger.ch / Archiv, Dossier Schulen Höngg

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