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Schlendrian, Schlitzohr – Schlorian

6. Dezember 2016 von

Foto: Fredy Haffner

Schlorian, alias Stefan Haller, bringt dem «Höngger» sein neuestes Comic-Album.

Von

Online seit
6. Dezember 2016

Printausgabe vom
08. Dezember 2016
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Stefan Haller ist unter dem Namen Schlorian als Comiczeichner und Illustrator bekannt. Im Juni ist sein neuer Comic-Band erschienen. Mit dem «Höngger» sprach er über seinen Weg.

Comic-Zeichner sind extrovertiert, eitel oder leicht verschroben. Keine Ahnung warum, aber irgendwoher kommt das Bild eines Bonvivants mit Baskenmütze, Sportwagen und Baguette unter dem Arm ja – oder hat es einzig damit zu tun, dass der Schreibende mit den Comics von Hergé, Franquin und Uderzo aufgewachsen ist? Wenn Stefan Haller morgens auf dem Fahrrad von Höngg, wo er seit 15 Jahren lebt, zu seinem Grafikatelier in Altstetten fährt, dann entspricht er diesem Bild natürlich nicht. Haller ist ein leiser Mensch, so unaufdringlich, als würde er am liebsten übersehen werden. Vielleicht ist es gerade diese Eigenschaft, die ihn zum guten Beobachter macht, der das, was ihm dabei offenbar wird, mit gut komponierten Geschichten und feinem Strich unter seinem Künstlernamen «Schlorian» in Comics festhält. Schlorian? Haller schmunzelt verlegen: «Ich wollte einen einmaligen Namen. Schlorian ist eine Mischung aus Schlendrian und Schlitzohr. Seit 16 Jahren publiziere ich nun unter diesem Namen». Obwohl er wohl weder Schlendrian noch Schlitzohr ist, denn um Comiczeichner zu werden, braucht es mehr als nur Begabung, einen Traum und etwas Glück. «Ja, das ist tatsächlich der Traum einiger junger Comic-Leser, eines Tages selbst so zu zeichnen. Ich hatte die Hartnäckigkeit, diesen Traum nie loszulassen». So absolvierte er nach der Matura noch eine Grafikerlehre und wagte bereits ein Jahr danach mit wenigen kommerziellen Aufträgen den Schritt in die Selbständigkeit. Nebenbei pflegte er das Comiczeichnen weiter, was dann aber oft Stress und weniger Geld bedeutete – trotzdem gab Haller nicht auf. «Ich brauchte damals, ohne Familie, noch sehr wenig Geld», beschreibt er jene Zeit, «nach drei Jahren verdiente ich als Grafiker genug zum Leben. Als Illustrator ging das ganze zehn Jahre». 59 Folgen seiner Geschichten wurden in über zehn Jahren in der Kinderzeitschrift von Pro Natura veröffentlicht. Cartoons, darunter zu den Themen wie «Gesellschaft» oder «Umwelt und Tiere» einige recht bissige, auch immer wieder im «Nebelspalter». Für die Coop-Zeitung zeichnet Schlorian seit einigen Jahren die Kinderrätsel. Zudem zeichnet er seit drei Jahren jeden Montag den Cartoon der Woche, den man auch gratis abonnieren kann (siehe Box). Nach der Abstimmung über die Atomausstiegsinitiative weigern sich dort zwei AKWs, das Ergebnis anzuerkennen: «Denken etwa Sie nach 47 Arbeitsjahren nicht an Pensionierung?», fragt Beznau 1 und das AKW Leibstadt fügt an, dass es die Überbelastung geradewegs in ein Burnout geführt hätte. Was Haller bewegt, setzt er in Geschichten und Bilder um.

Die Geschichte ist wichtiger als das Bild

Was er nicht mag, sind Comics, die nur von der Kraft der visuellen Darstellung leben. Schlorian will Geschichten erzählen: «Ich habe das Bedürfnis, Dinge in die Welt zu bringen», umschreibt er seinen Schaffungsprozess, in dem seine Geschichten und Figuren zusammenfinden. Auch wenn er sich nicht endgültig festlegen will, so ist nach einigem Zögern dann doch die Geschichte wichtiger als die Figuren. Wer Hallers Umfeld etwas kennt, meint hie und da in einer seiner Geschichten eine bekannte Figur zu entdecken. Doch da irrt man meistens: «Natürlich trage ich beim Zeichnen Bilder von Personen in mir, die ich kenne oder schon mal gesehen habe», gesteht er, «doch dann geht es mehr darum, den Charakter eines realen Menschen in eine Comic-Figur einfliessen zu lassen als dessen Aussehen». Ähnelt die Comic-Figur visuell dann doch einer realen Person, so geschehe das nicht bewusst – aber es lasse sich wohl einfach nicht restlos vermeiden, fügt er an.

Fast schonungslos persönlich

Bereits zehn Mal nahm Haller an «24h-Comics», einem internationalen Comic-Wettbewerb, teil, bei dem es darum geht, unter Zeitdruck innert 24 Stunden die Geschichte zu einem 24-Seiten-Comic zu erfinden und zu zeichnen. In diesem Umfeld bewegt sich Schlorian von Kindercomics weg, hin zu solchen für Erwachsene – eine Entwicklung, in der er seine zeichnerische Zukunft sieht. In einem der dort entstandenen Bände, «Philemons Drachen», erzählt er verblüffend offen über sich selbst, seine Zweifel bei der Themensuche und über seinen Alltag mit seinen beiden Buben, von denen der ältere Trisomie 21 hat. Dieses Schicksal brachte ihn auch dazu, ehrenamtlich zwischen 2012 und 2015 für die Behindertenorganisation «insieme 21» die Mitglieder-Zeitschrift zu gestalten, die Menschen mit Trisomie 21 in einem positiven, zeitgemässen Bild vermittelt. Mitdenken und sich engagieren, das ist Haller auch in seiner Alltagsarbeit als Grafiker und Illustrator wichtig: «Welches ist das ideale Medium, welches die beste Form, um eine Botschaft zu vermitteln? Im heutigen Überfluss sind solche Gedanken wichtig», sagt er und hofft, dass im Ergebnis immer auch seine Freude an der Arbeit sichtbar wird.

Die Schweinebande

Diese Freude findet auch Ausdruck in seinem Mitte Juni erschienenen Comic-Album «Die Schweinebande», einem Lesevergnügen für Jung und Alt. Die Schweinebande, alias Geo, Hugo, Roberta, Tina und ihr Schwein Rüdisüli lösen mit Teamgeist, Spürsinn und Rüdisülis empfindlicher Nase knifflige Fälle. In diesem Abenteuer soll Rüdisüli giftige Batterien aufspüren und kommt dabei Bombenlegern auf die Spur. Aber sind die Bombenleger wirklich die Bösen? Bald ist das nicht mehr klar in dieser spannenden Geschichte der Schweinebande. Ja, so ist das: Stefan Haller, weder Schlendrian noch Schlitzohr, aber unaufdringlicher Beobachter, verfasst eine Geschichte – und der «Schlorian» in ihm bringt sie gekonnt mit Feder und Tusche zu Papier. Und das geht auch ganz ohne Baskenmütze, Sportwagen und Baguette.

Die Schweinebande «Schwein gehabt!» und elf weitere Abenteuer.
Ab neun Jahren, 64 Seiten, farbig. 15 Franken.
Erhältlich beim «Höngger», Meierhofplatz 2, im «Canto Verde» oder direkt via www.schlorian.ch, dort sind auch die «24h-Comics» aufgeschaltet. Der Cartoon der Woche kann via Mail an cartoonderwoche@schlorian.ch gratis abonniert werden.

Kommentare

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500
8. Dezember 2016 um 10:43 Uhr von Nora junod

Treffend und gut beschrieben – so schätze ich schlorian auch!!!!