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Leitartikel

Radrenn-Weltmeister begann Karriere in Höngg

12. April 2016 von

Foto: Malini Gloor

Der ehemalige Radrenn-Weltmeister Walter Bucher schwingt sich auch heute, mit bald 90 Jahren, noch regelmässig aufs Velo.

Foto: zvg

Sieg für Walter Bucher (links) und Oscar Plattner an der 100-Kilometer-Americaine-Schweizermeisterschaft 1958.

Von

Online seit
12. April 2016

Printausgabe vom
14. April 2016
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Walter Bucher, der im Juni 90-jährig wird, ist eng mit dem Radfahrer-Verein Höngg verbunden. 1958 «erfuhr» er sich gar den Weltmeistertitel der Profi-Steher. Auch heute noch fährt der Senior mehrmals pro Woche Rennvelo und Mountainbike.

Walter Bucher, geboren 1926, wuchs im Kreis 4 auf – im Erismannhof nähe Hohlstrasse, wo die ärmere Bevölkerung lebte. «Zusammen mit meinen Eltern und meinen zwei Schwestern wuchs ich in einer Drei-Zimmer-Wohnung auf. Der einzige Wasserhahn befand sich in der Küche, geheizt wurde mit Holz. Unser Vater arbeitete als Chauffeur in einer Kohle-Handlung», erzählt der fitte Senior. Bis er 29 Jahre alt war, lebte er bei den Eltern.

Velo von Onkel Karl bekommen

Als Zehnjähriger begann er dank seines Onkels Karl Velo zu fahren: «Onkel Karl fuhr an den Wochenenden immer durch die halbe Schweiz und wollte mich mitnehmen. Von ihm erhielt ich auch mein erstes Velo und fuhr mit ihm zum Beispiel ins Wallis – natürlich in mehreren Etappen.» Als das erste Fahrrad zu klein wurde, kaufte er sich mit teilweise selbst verdientem Geld ein Occasionsvelo – und zwar ein Rennvelo! «Für die Firma Enka lieferte ich mit einem Firmen-Velo samt Anhänger zweimal pro Woche in der ganzen Stadt Seife aus. So verdiente ich als Bub in der Sekundarschule etwas Geld.»
Walter Bucher wollte ursprünglich Lokomotivführer werden, dafür absolvierte er 1942 eine Maschinenschlosserlehre bei der damaligen Maag-Zahnräder AG. «Das war eine harte Lehre, die fünf Jahre dauerte – denn ein Jahr musste ich als Probezeit dort arbeiten», erinnert er sich. Sein Lehrmeister habe ihn immer schikaniert – heute würde man es Mobbing nennen –, weil er Jung-Rennfahrer war. Der Teenager durfte zu Hause davon nichts erzählen: «Es hätte sofort geheissen: Gut, dann nehmen wir dir das Velo weg, dann kannst du dich besser auf die Lehre konzentrieren», so Walter Bucher nachdenklich.

Mit dem Rennvelo zur Arbeit gefahren

Mit seinem Rennvelo fuhr er täglich zur Arbeit – und das anscheinend in einem solchen Tempo, dass ihn im Jahr 1942 ein anderer Velofahrer eines Morgens ansprach: «Er fragte mich, ob ich nicht im einem Veloclub Rennvelo fahren wollte. Es stellte sich heraus, dass er Kurt Ott hiess, Radrennfahrer war und beim Radfahrer-Verein Höngg Mitglied war.» Gesagt, getan, der junge Walter Bucher wurde Mitglied bei den Höngger Radfahrern – und ist dies heute, 2016, immer noch!
«Kurt Ott war mein Mentor. Er erkannte, dass mein Rennvelo mein Ein und Alles war, und spornte mich an, doch zu trainieren und Rennen zu fahren. Er lieh mir auch Material aus, etwa leichtere Räder, um Rennen zu bestreiten, denn ich hatte ja nur mein einziges Rennvelo, sonst nichts.»
Die Rekrutenschule überstand er als Waffenmechaniker in der Infanterie: «Als ich bei der Aushebung sagte, ich würde gerne zu den Radfahrern, wurde das kategorisch abgelehnt. Wir Radfahrer würden eh zu wenig laufen, hiess es – und ich wurde der Infanterie zugeteilt.»
Nach der Lehre und der Rekrutenschule arbeitete er als Schlosser für die Maag-Zahnräder AG, und im Bereich Radrennsport tat sich einiges: Er fuhr unzählige Amateur-Radrennen, viele davon gewann er. «Ein Blumenstrauss und um die 100 Franken Preisgeld pro Rennen waren unsere Gewinne. Die Auslagen waren zudem nicht zu unterschätzen: Ich fuhr zu allen Rennen mit dem Zug.»

Immer dabei und immer erfolgreicher

Ob beim Radrennen am Zürcher Mythenquai oder bei der ersten Limmattaler Rundfahrt 1950, wo er sein letztes Amateur-Rennen fuhr: Walter Bucher liebte es, auf Rädern zu sein. Ob als Profi bei der Tour de Suisse oder den Zürcher Sechs-Tage-Rennen im Hallenstadion, er war dabei. «Damals war alles noch komplett anders. Im Hallenstadion sah man während der Sechs-Tage-Rennen nicht von der einen Seite des Stadions zur anderen – zu dicht war der Zigaretten- und Zigarrenrauch.»
In einem Monat hat das «Rote-Teufel-Team», wie die Fans Walter Bucher und Jean Roth wegen ihren roten Trikots nannten, drei Sechs-Tage-Rennen gewonnen. «Das hiess pro Rennen 145 Stunden Velo fahren – natürlich mit Essens- und Massagepausen dazwischen, doch es war schon sehr anstrengend, von 12 Uhr bis morgens um 6 Uhr Velo zu fahren. Das taten wir in den Morgenstunden jeweils einhändig, Zeitung lesend und Kaffee trinkend.»
Mit seinem Rad-Partner Jean Roth fuhr er auch gegen das Team Hugo Koblet/Armin von Büren und war «Stammgast» in den Sportberichten der Zeitungen.

1958 Weltmeistertitel «er-radelt»

«Im Sommer 1958 wurde ich Schweizermeister im Steher-Rennen. Dabei fährt man im Windschatten eines Motorrades, denn so ist man schneller.» Als Schweizermeister qualifizierte sich Walter Bucher automatisch für die UCI-Bahn-Weltmeisterschaften, welche 1958 in Paris stattfanden. Diese gewann der Profi-«Steher» – mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 81,3 Stundenkilometern und drei Runden Vorsprung! An dieser Weltmeisterschaft war er schon mehrmals erfolgreich: 1955 und 1957 erreichte er den zweiten Platz, 1956 den dritten. Nach seinem WM-Sieg 1958 wurde er 1959 nochmals Vize-Weltmeister. Seine grössten Schweizer Erfolge in Kurzform: Fünfmal wurde er Schweizermeister der «Steher»: 1955, 1957, 1958, 1959 und 1960. 1958 holte er beim «Americaine» zusammen mit Oscar Plattner den Schweizermeister-Titel.

Verletzungen beendeten Karriere

«Ich erlitt in all den Jahren auch einige schwere Verletzungen, so nebst mehreren Schlüsselbeinbrüchen einen Schädelbasis-Bruch. Früher trug man nur kleine Lederhelme, die halfen bei Stürzen nicht wirklich viel.» Nach dem dritten schweren Unfall, der 1961 geschah, versprach er seiner Frau Anna, die er 1955 geheiratet hatte, nur noch privat Velo zu fahren – und seine Karriere war zu Ende.
Warum hält Walter Bucher dem Radfahrer-Verein Höngg seit 74 Jahren die Treue? «Weil hier alles angefangen hat. Ich kam als armer, junger Schlucker zum Verein, und alle halfen mir. Man lieh mir nicht nur Material aus, sondern sammelte auch einmal Geld für ein Zugbillett nach Genf: Dort fand ein Rennen statt, aber ich hatte kein Geld für die Bahnfahrt. Man stelle sich vor: Alle gaben einen Obolus, damit ich das Rennen bestreiten konnte!» Noch heute hat Walter Bucher Tränen in den Augen, wenn er diese Anekdote erzählt. Man spürt, dass er die Hilfe seiner Vereinskollegen als nicht selbstverständlich anschaut. Heute noch treffen sich die Vereinsmitglieder einmal monatlich in Höngg im Restaurant Schützenstube zum Austausch – und schwelgen in alten Zeiten, aber nicht nur: «Es braucht unbedingt wieder junge, aktive Velofahrerinnen und Velofahrer bei uns!», so der sympathische Senior mit Weltmeister-Vergangenheit.

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