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ETH Hönggerberg

Lebst du schon, oder studierst du noch?

11. April 2018 von

Foto: Patricia Senn

«Die Veranstalter aus Höngg könnten ruhig etwas mehr Werbung machen auf dem Campus.»

Foto: Patricia Senn

«Günstige und schnelle Verpflegungsmöglichkeiten könnten die Studierenden ins Quartier locken.»

Von

Online seit
11. April 2018

Printausgabe vom
12. April 2018
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Es ist kurz nach Mittag und die kräftige Bise weht einen Zwiebelgeruch über den Campus der ETH Hönggerberg. Eine Stippvisite im neuen Stadtquartier Zürichs.

Am Himmel wechseln sich Sonne und Wolken ab, auf dem Hauptplatz des Campus wird gerade ein massives Zelt aufgebaut. Vor einem mobilen Kaffeetruck hat sich eine Schlange gebildet, ein paar Windresistente haben sich schon auf die Gartenbestuhlung der Alumni Lounge gewagt. Drinnen wie draussen sitzen Studierende und auch ältere Semester noch bei einem Kaffee nach dem Zmittag und vor der nächsten Vorlesung. Ganz offensichtlich wird hier nicht nur geforscht und studiert. Amar, zum Beispiel, lebt hier. Vor 1,5 Jahren ist er in die damals frisch eingeweihte Studentenwohnsiedlung «Student Village» eingezogen. Er studiert Erdwissenschaften, genauer Geochemie und Mineralogie, und muss für die Vorlesungen ins Zentrum reisen, «mit dem ETH Link ist man in 15 Minuten da, das ist sehr praktisch», lobt er die Einrichtung des direkten Verbindungsbusses. Ihn erinnert der Campus stark an die amerikanische Uni, die er in Albuquerque, New Mexiko besucht hat. «Es ist aussergewöhnlich für die Schweiz und ich denke auch für Europa, dass die Studierenden auf dem Hochschulareal wohnen können», meint der junge Mann, der ursprünglich aus den Niederlanden kommt. Dort sei es ganz anders gewesen, da sei man nie länger als nötig an der Uni geblieben und das Essensangebot sei im Vergleich zu den Mensas, den Foodtrucks und dem Güggeli-Wagen, der einmal in der Woche auf den Hönggerberg kommt, nicht der Rede wert gewesen.

Die Gemeinschaft auf dem Campus stärken

Besonders am Anfang sei es sehr einfach gewesen, Kontakte zu knüpfen, weil ja alle neu in die Wohnsiedlungen gezogen seien, erzählt Amar. Im ersten Semester hätten er und ein paar Kommilitonen eine Facebook-Seite für die Studierenden eingerichtet, auf der Veranstaltungen auf und rund um den Campus gepostet werden konnten. Die sogenannte Höngger Nachbarschaftskommission «HöNK» organisiert für die Bewohnerinnen und Bewohner der beiden Siedlungen «Living Science» und «Student Village» Film- und Spieleabende, Parties und Barbecues, um soziale Kontakte zu pflegen. Solche Veranstaltungen sind ein wichtiger Ausgleich, denn das Studium ist hart, «und die Leute hier an der ETH sind ehrgeiziger als an anderen Unis. Es reicht nicht, einfach zu bestehen, sondern man will Bestnoten erzielen», erzählt Amar. Obwohl er selber auch ambitiös ist, findet er es manchmal etwas übertrieben, vor allem, wenn dann keine Zeit und Energie mehr bleibt für andere Dinge. Die ETH organisiere sehr viele Veranstaltungen, diese seien aber weniger für die Gemeinschaftsbildung der 900 hier lebenden Studierenden gedacht, sondern eher forschungs- oder studiumsbezogen. Darauf angesprochen, ob er oft nach Höngg runterfährt, meint er, er lasse sich dort die Haare schneiden und habe kürzlich erst festgestellt, dass es in Höngg einige Weinbauern gibt. «Am Sechseläuten letztes Jahr erzählten mir einige Höngger, dass der Ort bekannt sei für seinen Wein und seine Weinbauern, also recherchierte ich ein wenig. Es wäre schön, wenn wir die Winzer – und vielleicht gibt es auch Bierbrauer in Höngg? – dazu einladen könnten, uns hier oben ihre Weine zu präsentieren und sie so kennenlernen könnten – und sie uns auch». Seine Kommilitonen wissen nämlich nichts über Höngg, auch nicht über das kulturelle Angebot im Quartier. «Über Social Media habe ich vom «Kulturkeller» erfahren, und seit Kurzem weiss ich, dass es auch ein Ortsmuseum gibt», meint Amar. «Ich denke, dass könnte man noch prominenter bewerben». Ausserdem stünde er gerne bereit, wenn jemand aus dem Quartier Interesse hätte, zusammen einen Anlass zu organisieren. Und wie ist das Leben auf dem Campus an den Wochenenden so? «Es ist sehr ruhig. Die Schweizer, die hier oben wohnen, gehen an den Wochenenden nach Hause, was einerseits verständlich ist, andererseits aber auch schade, weil wir sie besser kennenlernen könnten, wenn sie auch mal ihre Freizeit hier verbringen würden», meint der Geologiestudent. Denn es ist offenbar so, dass sich die Schweizer und die internationalen Studenten nicht so mischen, sondern sich verschiedene Gruppen bilden, «ich sehe aber ehrlich gesagt auch nicht, wie man das ändern könnte».

«Mehr günstige und schnelle Verpflegungsmöglichkeiten»

Xavier Kohll aus Luxembourg hat seinen Bachelor und Master zum Chemie Ingenieur an der ETH Hönggerberg gemacht und doktoriert seit zwei Jahren im Erdgeschoss des HCI Gebäudes. «Wir entwickeln ein künstliches Herz aus Silikon», erzählt er und versucht seine Locken gegen den Wind aus dem Gesicht zu streichen. «Gerade testen wir eine neues Material, um das Herz langlebiger zu machen – der erste Prototyp hielt, einmal in Betrieb, nur eine halbe Stunde. Der zweite Prototyp zeigt da schon viel bessere Resultate». Er lebt seit einigen Jahren mit seiner Freundin in Rütihof und hat die Entwicklungen auf dem Hönggerberg mitbekommen. «Früher war auf dem Campus nach sechs Uhr tote Hose», erinnert er sich, «das hat sich mit dem Einzug der Studierenden schon sehr zum Positiven verändert». Auch die Eröffnung der Alumni Lounge hat dem Quartier Leben eingehaucht, im Sommer ist der Platz davor voll mit Leuten. Am Waldrand wird grilliert, in den Gemeinschaftsräumen der Studentensiedlungen finden Parties statt. «Man ist hier auf dem Hönggerberg auf dem Land, abgeschieden von der Stadt», meint Xavier und blickt in Richtung Bauernhof. «Das ist auch ein Vorzug: Es ist ruhig, man kann sich auf die Arbeit konzentrieren, aber auch über Mittag im Wald laufen gehen, ist sofort in der Natur. Und gleichzeitig hat man hier eine hochwertig gebaute und sehr moderne Infrastruktur, die wir nutzen dürfen». Das gefällt ihm. Nach einem zehnstunden Tag geht er dennoch meist nach Hause. «Als Student hätte ich vielleicht auch mehr Zeit auf dem Campus verbracht, aber mittlerweile fühle ich mich als Doktorand etwas zu alt», meint Xavier. «Vielleicht kommen deswegen nicht oft Leute von ausserhalb hier hoch – irgendwann hat man halt keine Lust mehr, mit 20-Jährigen zusammen im Ausgang zu sein, sondern sucht Gleichgesinnte. Das ist ja auch normal, oder?». Er selbst fährt nach Wipkingen oder ins Stadtzentrum, wenn er mal ausgehen will, am Wochenende tagsüber auch mal an die Limmat. Auch hat er nicht das Gefühl, dass die Studierenden ins Quartier Höngg runtergehen würden, obwohl es zum Beispiel in Sachen Verpflegung durchaus ein Bedürfnis nach einem erweiterten Angebot gäbe. Das Mensaessen sei im Vergleich zu anderen Unis zwar gut, aber nach einigen Jahren habe man dennoch keine Lust mehr darauf. Die Foodtrucks seien nicht den ganzen Tag verfügbar und das Bellavista für Studierende schlicht zu teuer. «Immerhin haben wir jetzt einen Coop Pronto auf dem Gelände», meint er. «Vielleicht würden mehr Studierende nach Höngg gehen, wenn es mehr günstige und schnelle Verpflegungsmöglichkeiten unten im Quartier gäbe, wie das bei den amerikanischen Unis oft der Fall ist. Dort kann man vietnamesisch, Thai, Burgers, Tacos und vieles andere schnell und günstig in unmittelbarer Nähe der Unis kaufen», schlägt er vor.

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