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Gospel, made in Höngg

22. November 2016 von

Foto: Fredy Haffner

Antonia Walther riss mit ihrem «Never Turn Back»-Solo alle mit, Chor, Chorleiterin und Publikum.

Von

Online seit
22. November 2016

Printausgabe vom
24. November 2016
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Der Höngger Gospelchor, die gospelsingers.ch, gab vergangenes Wochenende in der zweimal gut besuchten Kirche Heilig Geist sein Jahreskonzert. Der «Höngger» besuchte die Sonntagsvorstellung und «got ready» für den Advent.

Gospelchor? Unweigerlich tauchen Bilder vor dem inneren Auge auf. Bilder aus amerikanischen Filmen, aus Gospelkirchen. Dunkelhäutige Sängerinnen und Sänger in wallenden Roben, inbrünstig singend, klatschend, «Praise The Lord» – und vor ihnen ein Publikum, das ekstatisch mitwogt. Egal, ob man dies je live miterlebt hat, die Bilder sind präsent und ob sie wollen oder nicht, die gospelsingers.ch müssen zuerst dagegen ansingen. Das tun sie an diesem Sonntagsauftritt von Beginn weg fulminant. Kaum hat der Chor unter grossem Applaus die Bühne betreten, stimmt die vierköpfige Band «Come On And Praise» an. Der Chor setzt ein, und Armand Dickey gibt das erste seiner mit rauer Stimme vorgetragenen Soli. Der Chor ist unisono in schwarz gekleidet, mit einheitlich blauem Schal und einige, sogar unter den Männern, haben sich noch die Fingernägel blau lackiert. Man darf das ungeniert als eine gut-zürcherische Adaption der wallenden Roben auffassen und das erste der inneren Bilder revidieren. Auch mit dem zweiten, dem inbrünstigen Singen, räumen die gospelsingers.ch bereits im dritten Stück restlos auf: beim «Carribean Medley» scheinen sie so richtig warmgesungen zu sein, und die Textzeilen mit «born again» verdeutlichen dies. Jetzt wird gewogt, mehr und mehr entspannen sich die Gesichter auch der konzentriertesten Chormitglieder und es wird strahlend gesungen. Karibik pur, umgemünzt in Gospel. Und dann, unvermittelt ein Lied, das einem einen leisen Schauer über den Rücken jagt, ein Klassiker aus dem Chorrepertoire: «Father, we enter your presence to lift up your name». Man braucht nicht religiös zu sein, um in diesem Lied bei jedem langgezogenen «Faaaaaather» eine höhere Kraft zu spüren, ganz egal ob man diese nun selbst «Father» nennt oder ganz anders. Ja, Chorleiterin Tanya Birri hat ein spannendes Programm zusammengestellt und einstudiert.

Von Presley zu a capella und never turn back

Diesen beinhaltet auch «By And By», den Elvis-Presley-Song, und wer könnte den besser solo anführen als Stefan Horváth, der bekennende Fan des King? Also tritt er aus der ersten Reihe vor, schnappt sich das Mikrofon und was er dann bietet, hätte man ihm vorher kaum zugetraut, sang er doch bislang mit fast ausdrucksloser Mine. Nun aber dreht er auf, rockt und zieht Chor und Publikum mit. Wunderbar, der King hätte seine Freude gehabt. Oder hat sie noch immer, denn schliesslich lebt er ja, nicht wahr? Mit einem Gospel Medley, bei dem das Publikum zum Mitsingen animiert wird, geht es in die Pause. Im Foyer werden Getränke und Zopf offeriert, serviert von den Frauen von Volley Höngg – hier hilft man sich noch unter Vereinen. Dass es der Chor auch ohne die Band kann, zeigt er gleich im ersten Stück nach der Pause. A capella wird mit viel Volumen der Kirchenraum ausgefüllt, «Sweet, Sweet Spirit», gesungen und gefühlt. Im übernächsten Stück, dem Negro-Spiritual «Never Turn Back» zeigt dann Antonia Walther, die Präsidentin des Chors, einmal mehr ihre Stimmgewalt. Was heisst da «zeigt»? Sie schmettert sie mit vollem Körpereinsatz allen Anwesenden entgegen, rockt den Song förmlich, und man zögert keinen Takt lang, ihr das «I’ll never turn back» abzunehmen. Vermisst noch jemand dunkelhäutige Sänger in wallenden Roben? War da mal ein Bild?

Bild weg, Gospelkirche her

Ja, da war noch eines, ein bislang unerwähntes. Jenes, in dem – man möge es dem Schreibenden verzeihen – jeder hiesige Kirchenchor gegen einen Gospelchor verliert. Was nicht an den gesanglichen Qualitäten liegen muss, aber an den vielfach nicht zeitgemässen Liedern. In diesem imaginären Kategorienwettkampf haben die gospelsingers.ch in den Ohren des Schreibenden also bereits «forfait» gewonnen, wie es im Sport heissen würde. Doch als sie dann gegen den Schluss hin in einem Weihnachts-Medley ganz traditionell «Stille Nacht» anstimmen – bloss um zu zeigen, dass sie auch das draufhaben –, wünscht man sich diese Stimmen einfach nur noch an Heiligabend in jeder Kirche. Auch die Passagen aus «Amazing Grace» unterstreicht dies, sie versöhnen mit was auch immer, tragen davon, schwingen sich über die Köpfe hinweg, höher und höher. Und als Tanya Birri neckisch fragt, ob man bereit sei zu tanzen und dann «feliz navidad» anstimmt, steht das Publikum und klatscht und wogt mit. Also doch, das ist Gospelkirche!
Ja, der erste Advent steht erst bevor, doch eingestimmt ist man als Konzertbesuchende seit diesem Wochenende. «Get Ready», wie es in der vom Publikum herangeklatschten Zugabe heisst, die auch dem Jahreskonzert seinen Namen gab. Ziel erfüllt – und das Jahreskonzert 2017 sollte man sich vormerken.

Mitsingen?
Unverbindliche Probebesuche, jeweils montags 19.30 bis 21.30 Uhr im Proberaum in der Pfarrei Heilig Geist, Limmattalstrasse 146. Weitere Informationen unter www.gospelsingers.ch oder per Mail an info@gospelsingers.ch

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