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Foodwaste

Im Müll statt im Magen

27. Juni 2018 von

Keine Lust mehr, zu viel eingekauft, ungeöffnet abgelaufen – im Schnitt werfen Privathaushalte über 300 Gramm Lebensmittel pro Tag weg.
Foto: Patricia Senn

Keine Lust mehr, zu viel eingekauft, ungeöffnet abgelaufen – im Schnitt werfen Privathaushalte über 300 Gramm Lebensmittel pro Tag weg.

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Online seit
27. Juni 2018

Printausgabe vom
28. Juni 2018
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Foodwaste – zu Deutsch: Lebensmittelabfälle oder Lebensmittelverschwendung – ist kein neues Thema. Trotzdem landet noch immer ein Drittel der Waren im Müll.

Die schlechte Nachricht zuerst: Es sind nicht die «anderen», sprich Detailhändler oder Bauern, die am meisten Nahrungsmittel verschwenden, es sind die Privathaushaltungen: 45 Prozent aller Lebensmittelabfälle werden von den Konsument*innen selbst verursacht. Das ist gleichzeitig aber auch die gute Nachricht. Denn sie bedeutet, dass endlich einmal «jeder einzelne etwas tun kann». Oder könnte.

Obwohl das Thema Foodwaste schon seit einigen Jahren immer wieder in den Medien auftaucht, wurden bislang nur wenig Daten dazu erhoben. Laut foodwaste.ch landen in der Schweiz jährlich insgesamt rund 2,3 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Dies entspricht einem Drittel der gesamten Nahrungsmittel oder einer Ladung von 140’000 Lastwagen, die aneinander gereiht eine Kolonne von Zürich bis nach Madrid bilden würden. Während man bei Lebensmitteln, die bereits im Laufe des Produktionsverfahrens verloren gehen, von «Verlusten» spricht, bezeichnet «Lebensmittelverschwendung» die Produkte, die nicht verwertet werden, weil sie zu viel eingekauft oder falsch gelagert wurden, die Portion im Restaurant zu gross war oder wir auf etwas anderes Lust haben. Rüstabfälle, Knochen, Kaffeesatz oder nichtessbare Schalen gehören nicht dazu.

Nicht schön genug für ins Regal

In der Landwirtschaft entstehen je nach Quelle 20 bis 27 Prozent aller Verluste. Grund dafür können Schädlinge, das Wetter oder auch technische Defekte sein. Einen grossen Teil macht hier die Ware aus, die aufgrund ihres Aussehens aussortiert wird, weil sie zu klein oder zu unförmig ist oder die falsche Farbe hat. Hier geben manche Grosshändler Gegensteuer, in dem sie auch diese Ware in ihr Sortiment aufnehmen und zu günstigeren Preisen verkaufen. 2015 hat Coop unter dem Label «Ünique» 690 Tonnen Gemüse und Früchte verkauft, die nicht der aktuellen Norm entsprechen, 2016 waren es bereits über 900 Tonnen. Im Vergleich zu den herkömmlichen Früchten und Gemüsen ist der Ünique-Anteil aber nur gering, da es nicht mehr normabweichende Produkte gäbe, meint Coop auf Anfrage. Auch Migros verkauft Über- und Untergrössen von Früchten und Gemüse unter dem Label M-Budget. Eine separate Linie wird nicht geführt. Dies auch darum, weil die Gefahr von zusätzlichem Foodwaste in der Wertschöpfungskette bestünde, so die Auskunft. Im schlimmsten Fall heisst das: Doppelte Lagerbestände, doppelte Fläche und mehr Restbestände am Abend.

Gemäss foodwaste.ch gehen weitere 30 Prozent der Nahrungsmittel während der Verarbeitung verloren. Dies unter anderem, weil nicht alle Nebenprodukte wie Innereien, Molke oder Teigresten verarbeitet werden. Weitere vier bis fünf Prozent der Verluste entstehen schliesslich im Gross- und Detailhandel, wobei man hier bereits von Verschwendung spricht. Diese wird durch abgelaufene oder verdorbene Ware verursacht. Wie die Händler in Höngg mit dieser Thematik umgehen lesen Sie hier.

Essen wegwerfen – wieso?

Wie anfangs erwähnt ist der mit Abstand grösste Verursacher von Foodwaste der Privathaushalt. Wieso aber werfen wir im Schnitt täglich 320 Gramm geniessbare und gesundheitlich einwandfreie Lebensmittel weg? Ein Grund dafür sind die tiefen Preise: In der Schweiz liegt der Anteil des Haushalteinkommens, der für Lebensmittel ausgegeben wird, bei sieben Prozent. Im Vergleich dazu werden laut dem International Food Policy Research Institute in Entwicklungsländern rund 70 Prozent des Einkommens für Nahrung ausgegeben – und nur drei Prozent der Lebensmittel landen im Abfall. Dafür sind die Verluste in diesen Ländern bei der Ernte, der Lagerung und der Verarbeitung höher, weil Know-how und Technologien fehlen.

Eine wichtige Rolle spielt auch die Haltbarkeit der Produkte, respektive deren Etikettierung. Während Produkte mit der «zu verbrauchen bis»-Bezeichnung aus gesundheitlichen Gründen nach Ablauf des Datums nicht mehr gegessen werden sollten – das trifft meist auf Fleisch oder Fisch zu – sind Nahrungsmittel mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum oft lange darüber hinaus geniessbar. Hier kann man sich eigentlich auf die eigenen Sinne verlassen.

Umweltbelastung und Geldverschwendung

Die Bereitstellung der Nahrungsmittel für den Konsum in der Schweiz verursacht insgesamt 30 Prozent aller Umweltbelastungen. So werden für die Herstellung eines Kilos Käse 5’000 Liter Wasser benötigt, 85 Prozent davon sind Trinkwasser und Wasser für das Wachstum der Futtermittel für die Kuh. Jedes Lebensmittel braucht Ressourcen wie Ackerland, Wasser, fossile Energien und so weiter. «Gleichzeitig verknappt eine durch Verluste erhöhte Nachfrage das weltweite Angebot, während die Ernährungssicherheit vieler Menschen nicht garantiert ist», schreiben die Verantwortlichen bei foodwaste.ch. Nicht jeder lässt sich von moralisch-ethischen Argumenten dazu bewegen, sein Verhalten zu ändern. Nicht weil man nicht wollte, sondern weil es schwierig ist. Was allerdings bei vielen gut zu funktionieren scheint, ist der Weg über das Portemonnaie. Im Jahr gibt eine Person etwa 500 Franken für Nahrungsmittel aus, die sie am Ende nicht konsumiert.

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