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Leitartikel

Flüchtlingsunterkunft beim Wasserwerk Hardhof

2. Februar 2016 von

Foto: zvg

Der Standort der Wohnsiedlung für Asylsuchende (rot schraffiert), neben der VBZ-Haltestelle Tüffenwies, zwischen der Europabrücke und dem Wasserwerk Hardhof.

Foto: Dagmar Schräder

Thomas Kunz, Direktor der AOZ, informiert die Anwohner über das geplante Bauvorhaben.

Von

Online seit
2. Februar 2016

Printausgabe vom
04. Februar 2016
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Am Dienstagabend, 26. Januar, informierte die Asyl-Organisation Zürich (AOZ) die Anwohner über den geplanten Bau einer Wohnsiedlung für Asylsuchende auf dem Areal des Wasserwerks.

Zu dem von der AOZ organisierten Informationsanlass waren die Eigentümer von Liegenschaften in unmittelbarer Nachbarschaft des Wasserwerks sowie  «Schlüsselpersonen» aus dem Quartier persönlich angeschrieben und eingeladen worden. Rund 40 Interessierte nahmen die Einladung an und fanden sich am frühen Dienstagabend im Wasserwerk ein, um den Ausführungen von Thomas Kunz, Direktor der AOZ, zu folgen.

Hohe Anzahl an Asylgesuchen und Erhöhung der Kontingente

Dieser informierte zunächst über die Ausgangslage und die Notwendigkeit, in der Stadt Zürich zusätzliche Unterkünfte für Asylsuchende zu schaffen. Kunz erklärte, dass die Anzahl der Asylgesuche, die im Jahr 2015 in der Schweiz gestellt wurden, mit 39´523 Gesuchen höher als in den vergangenen Jahren sei. Mehr als die Hälfte aller Gesuche käme aus den drei Ländern Eritrea, Afghanistan und Syrien, so Kunz weiter. Höher als in der Vergangenheit sei auch die Schutzquote, das heisst, der Anteil der Asylgesuche, die positiv entschieden werden und zu einem Bleiberecht der Betroffenen führen. «Offensichtlich suchen momentan hauptsächlich Menschen bei uns Asyl, die einen anerkannten Anspruch auf Schutz vor Krieg und Verfolgung haben», so erklärte Kunz den Anstieg der Quote. Aufgrund dieser Entwicklungen seien Bund, Kantone und Gemeinden verpflichtet, die Aufnahmekapazitäten für Flüchtlinge zu erhöhen. «Für die Stadt Zürich», führte Kunz aus, «hat der Kanton das Aufnahmekontingent an Flüchtlingen per 1. Januar 2016 auf 2´732 Personen erhöht, was einer Anzahl von 780 Personen entspricht, die zusätzlich untergebracht werden müssen.» Die Stadt Zürich könne das Kontingent nur erfüllen, wenn sie mit grossem Effort neue Unterbringungskapazitäten schaffe, vor allem solche, die nicht nur eine Zwischenlösung darstellten, sondern für einen längeren Zeitraum zur Verfügung stünden. Weil gleichzeitig die bereits bestehende Wohnsiedlung in Zürich-Leutschenbach in den nächsten zwei Jahren aufgelöst werde, würden momentan mehrere neue Standorte geprüft.

Containersiedlung auf dem Areal des Wasserwerks

Einer der geplanten Standorte für eine temporäre Wohnsiedlung liegt beim Grundwasserwerk Hardhof, direkt neben der Europabrücke. Auf dem Areal des Wasserwerks, genauer auf einem Teil des Parkplatzes, soll im Herbst 2016 eine temporäre Wohnsiedlung aus Containerwohnungen, ähnlich denen, die im Leutschenbach bestehen, erstellt werden. Hier sollen Asylbewerbende nach dem Aufenthalt in einem kantonalen Durchgangszentrum einziehen. Es wird sich dabei um Personen handeln, die entweder noch asylsuchend sind (Aufenthaltsstatus N), vorläufig aufgenommen worden sind (Aufenthaltsstatus F) oder bereits einen positiven Asylbescheid (Aufenthaltsstatus B) erhalten haben, wobei ein Grossteil der Bewohner dauerhaft in der Schweiz bleiben wird. Angelegt ist die geplante Siedlung für maximal 48 Personen verschiedener Nationalitäten und Altersgruppen, von Einzelpersonen bis zu Familien mit Kindern. Die einzelnen Wohnungen sollen jeweils von sechs bis acht Personen belegt werden. Unterstützt werden die Bewohner in dieser Phase des selbständigen Wohnens durch die Sozialberatung, den Fachbereich Wohnen sowie die Immobilienverwaltung der AOZ, wobei jedoch keine ständige Betreuung vor Ort sein wird. Es wird davon ausgegangen, dass die Siedlung mindestens 15 bis 20 Jahre am Standort bestehen bleiben wird.

Kritik am Standort

Die anwesenden Anwohner äusserten eine Vielzahl von Bedenken gegenüber den Plänen des AOZ. Kunz verteidigte die Wahl des Standorts gegen die Einwände der Anwohner: «Die Auswahl an verfügbarem und bezahlbarem Wohnraum in der Stadt Zürich ist sehr beschränkt, so dass wir darauf angewiesen sind, temporäre Siedlungen zu erstellen. Potentielle Standorte für derartige Siedlungen sind ebenfalls  rar gesät  – und  überall hegen die Anwohner ähnliche Bedenken gegen den Bau von Wohnsiedlungen.» Mit den gleichen Argumenten konterte Kunz auch den Einwand, dass sich die Siedlungen für Asylbewerber auf wenige Kreise konzentrierten und etwa auf dem Zürichberg seltener erbaut würden. «Wir nehmen, was wir kriegen, wir suchen in allen Quartieren und in allen Richtungen, es gibt keine Quartiere, die wir nicht berücksichtigen würden», erklärte er. Die Verteilung der Durchgangszentren und Wohnsiedlungen auf die Stadt sei zwar nicht ganz gleichmässig, aber auch nicht so einseitig, wie dies oft den Eindruck erwecke. Zudem, so Kunz weiter, bedeute die Erstellung einer temporären Wohnsiedlung in einem Wohnquartier entgegen der Befürchtungen vieler Anwohner keineswegs eine Abwertung für das Quartier. Er verstehe zwar die Ängste der Anwohner, die Erfahrungen aus anderen Quartieren seien jedoch durchwegs positiv, in der Regel lösten sich die Vorbehalte innerhalb kurzer Zeit in Wohlgefallen auf.  Natürlich sorge die AOZ in Zusammenarbeit mit der Stadtpolizei und SIP Zürich dafür, dass Verstösse gegen Gesetze umgehend geahndet würden, es sei jedoch erfahrungsgemäss keineswegs der Fall, dass die Kriminalitätsrate in Quartieren mit derartigen Wohnsiedlungen ansteige.
Bedenken, dass die Europabrücke, die nahe Tramlinie und vor allem der Zugang zur Limmat mit Gefahren für die Bewohner verbunden seien, nahm Kunz zur Kenntnis, hielt den Standort aber durchaus für zumutbar: «Wir werden die dort Einziehenden umfassend informieren und sie auf die Gefahren aufmerksam machen. Es finden sich jedoch an allen Standorten gewisse Gefahrenpotentiale, mit denen umgegangen werden muss.»

Mangelnder Parkraum am Hotspot Werdinsel

Ein wichtiger Punkt für viele der Anwesenden war die Tatsache, dass durch den Bau der Containersiedlung auf dem Areal des Wasserwerks Parkplätze wegfallen werden, die im Quartier ohnehin schon rar gesät sind. Wegen der nahen Sportanlagen und der Werdinsel als Naherholungsgebiet sei das Quartier gerade an Wochenenden und in den Sommermonaten verkehrstechnisch bereits jetzt stark überlastet und könne sich keine weitere Verknappung der Parkplatzsituation leisten. Der fragliche Parkplatz, so erwiderte Kunz, sei jedoch bereits jetzt dem Wasserwerk vorenthalten und hätte in Zukunft sowieso aufgelöst werden sollen. Aus diesem Grund habe das Wasserwerk den Platz der AOZ auch zur Verfügung gestellt.

Gelungene Integration wird von allen gewünscht

Geduldig nahm Kunz alle Bedenken der Anwohner zur Kenntnis und versprach, sich insbesondere in punkto Parkplatzmangel bei den zuständigen Stellen kundig zu machen, wie die Situation von Seiten der Stadt verbessert werden könne. Er nahm auch die Beschwerde entgegen, dass nicht alle möglichen Interessensvertretungen innerhalb des Quartiers und der angrenzenden Quartiere vorzeitig über das Vorhaben informiert wurden. So bemängelten etwa Vertreter des Quartiervereins Höngg, dass sie keine Einladung zum Anlass erhalten hätten. Gleichzeitig bat er die Anwesenden um Verständnis für die Situation und betonte wiederholt, wie sehr sich nicht nur die AOZ und die Anwohner, sondern auch die Bewohner der Wohnsiedlungen jeweils eine gelungene und reibungslose Integration wünschten.

Wie geht’s weiter?

Die Erstellung der Wohnsiedlung wird nun den normalen Verfahrensweg durchlaufen, was bedeutet, dass für die Erstellung der Container zunächst ein Baugesuch eingereicht werden wird. Sobald die Genehmigung für den Bau erteilt ist, wird mit dem Bau der temporären Wohnsiedlung begonnen. Vor Inbezugnahme durch die AOZ will diese die Nachbarschaft noch einmal genauer über die Wohnanlage informieren und  an einem Tag der offenen Tür zu einer Besichtigung der Wohnungen einladen.

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