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Leitartikel

Federboas und Rastamützen in der Reihenhaus-Siedlung

9. März 2016 von

Foto: Malini Gloor

Die alte, leicht verwirrte Dame Vreni Oeri bei ihrer brillanten «Partygrill»-Tanz- und Singeinlage.

Foto: Malini Gloor

Bünzli Max Meier düst zum Stück «Rasemääie» mit einem Rasenmäher über die Bühne.

Foto: Malini Gloor

Die Nachbarinnen Lotti und Lieseli übergeben den Robidog-Sack samt Inhalt an «Verursacherin» Tallulahlah.

Von

Online seit
9. März 2016

Printausgabe vom
10. März 2016
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Am letzten Freitag war es wieder soweit, das Musicalprojekt Zürich 10 führte die Première seines neuen Musicals auf. «Hinz, Kunz und Hundekot» heisst die 19. Produktion, die ganz auf die Lieder des Pfannestil Chammer Sexdeets setzt.

Bis auf den letzten Platz ist der grosse Saal des reformierten Kirchgemeindehauses besetzt. Nicht nur Familie und Freunde der Darstellerinnen und Darsteller sitzen im Publikum, sondern auch Fans – denn diese hat das Musicalprojekt Zürich 10 reichlich.
Schauplatz ist dieses Mal eine Reihenhaussiedlung (Bühnenbild: konzipiert von Seraina Bamert, ausgeführt von Sebastian Berroth und weiteren Helfern), welche der Stadt Zürich gehört. Entsprechend bunt gemischt ist die Bewohnerschaft: Man sieht direkt in die Wohnungen von Tallulahlah (Marion Hangartner), Schwangerschaftsyogalehrerin, der einsamen, alten Vreni Oeri (Debora Schlumpf) und der bünzligen Ehepaare Lieseli und Max Meier (Nora Merz und Sebastian Berroth) sowie Lotti und Ernst Schneider (Julia Sommerhalder und Cyril Häubi).

Hundekot als Zankapfel zwischen den Nachbarn

Enfant terrible ist ganz klar Tallulahlah mit ihrem Hund Hare Krishna Hare Rama, den man aber während des ganzen Stückes nie zu sehen kriegt – seine Hinterlassenschaften aber sehr wohl. Das ist denn auch der Zankapfel zwischen der Schwangerschaftsyogalehrerin und den beiden ordnungsliebenden Ehepaaren. Entnervt nimmt Lieseli Meier den Kothaufen vorbildlich mit einem Robidog-Säcklein zusammen und übergibt ihn Tallulahlah bei der nächsten Gelegenheit mit den Worten: «Nimm din Shit wieder mit.» Auch die Hundekotpolizei, «eine Abteilung des ERZ», tritt bald in Aktion und bedroht die naive Bewohnerin, das Lied «Kotufnahmepflicht» singend. «Es git 6300 Hünd i dere Stadt, 4200 Abfallchübel und 540 Robidogchäschtä – das macht fascht ein Chübel pro Hund. Und Sie wohned ja zudem no älei i Ihrer Wohnig!» Tallulahlah darauf verunsichert: «Sind Sie vo de Liegeschaftsverwaltig?» «Nei, aber mini Schwöschter. Und sie verzellt mir immer Stories!», so der schnippische Hundekotpolizist.

Der Bauch wird dicker, die Liebe kleiner

Schnell wird klar, dass die Hundebesitzerin nicht nur in Zukunft jedes Häufchen ihres Hundes zusammennehmen muss – was für jeden Hundehalter eine Selbstverständlichkeit sein sollte –, sondern auch einen Mitbewohner braucht, wenn sie ihre Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung behalten will. Die Seniorin Vreni Oeri, immer leicht verwirrt, sagt dazu: «Ah, du suechsch en WC-Partner!» «Nei, en WG-Partner!» «Ebe, hani doch gseit!» Nachdem ein schleimiger Sado-Maso-Anhänger (Christian Meier) erfolgreich verscheucht wurde, schnappt sich Tallulahlah Til (Pascal Schleiss), der seine «Gerätchen», bemalte Raclettepfännchen, an Frau und Mann bringen will. Sie kauft gleich alle von den Dingern – damit sie bei Til gut da steht – und lädt ihn zu ihrem «fast abgelaufenen Bio-Braten» ein. Natürlich soll die WG rein platonisch bleiben, zudem ist sie bereits 38, er erst 28. Doch es kommt, wie es der Zuschauer ahnt: Die beiden verlieben sich, und Tallulahlah wird schwanger. Im selben Masse, wie ihr Bauch an Umfang zunimmt, nimmt die Liebe Tils ab: Er hat noch immer keinen richtigen Job gefunden, verbringt die Tage mit Rauchen und Fernsehschauen – und ist emotional so geladen, dass es zu einem grossen Streit kommt, in dessen Folge er auszieht.

Federboas von ehemaliger Stripperin

Die Verlassene tut sich mit der alten Dame zusammen, die immer wieder neue Maschen erfindet, um ihre bescheidene Rente etwas aufzubessern: Verkaufte sie mehr oder weniger erfolglos selbst gestrickte, riesige Marienkäfer, so finden «Omas Rastamützen» reissenden Absatz, und bald springt das gesamte Ensemble mit den bunten Mützen samt künstlichen Dreadlocks herum. Nächster Streich sind die blutroten Federboas, die Vreni mit dem Slogan «Federboas von ehemaliger Stripperin» verkauft. Auf die Frage, ob sie denn wirklich früher gestrippt habe, sagt sie genüsslich: «Inegleit! Nei, dänks nöd, aber es gaht immer um d‘Verkaufsstrategie» – womit sie natürlich recht hat. Brillant auch ihre Showeinlage zum Lied «Partygrill», zu dem sie alleine mit einem Kugelgrill und dem Grillbesteck tanzt und singt.

Grosse Sorgen und ein Happy End

Als wäre es nicht schlimm genug verlassen zu werden, erhält Tallulahlah Besuch von drei Mitarbeiterinnen der städtischen Liegenschaftenverwaltung, welche ihr mitteilen, dass das Mehrfamilienhaus totalsaniert wird und alle Bewohner ausziehen müssen – Grund dafür ist Tallulahlahs Hunde-Geschichte, sonst wäre die Stadt gar nicht auf das Haus aufmerksam geworden. Klar, dass unter diesen Umständen die von ihr für die einsame Vreni organisierte Grillparty ins Wasser fällt und stattdessen Feuer im Dach herrscht. Einzig Vreni nimmt es relativ locker: «In zwei Jahren wird umgebaut? Ach, dann lebe ich sowieso nicht mehr.» Von all ihren Sorgen ertränkt, erleidet die Yogalehrerin einen Zusammenbruch und wird ins Spital eingeliefert. Nun endlich halten die Bewohner zusammen: Sie bauen einen grossen Spielplatz für Tallulahlahs Kind, um ihr eine Freude zu machen. So findet die Geschichte doch noch mehr oder weniger ein Happy End.
Was die 26 jungen Menschen auf der Bühne an diesem Abend geboten haben, war einmal mehr genial. Witzige Sprüche, coole Songs des Pfannestil Chammer Sexdeets und originelle Kostüme begeisterten das Publikum auch dieses Jahr. Regisseur und Choreograf Gregory Arcement darf stolz sein auf seine Truppe – und auf seine Idee, mit den Songs der Schweizer Band ein Musical zu schreiben.

Musical Hinz, Kunz und Hundekot
Freitag, 11. März, 20 Uhr
Samstag, 12. März, 20 Uhr
Reformiertes Kirchgemeindehaus, Ackersteinstrasse 190, 8049 Zürich. Der Eintritt ist frei, es gibt eine Kollekte. Weitere Informationen: www.musicalprojekt.ch

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