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«Es bitzeli meh», doch niemand weiss woher

5. Juli 2012 von

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5. Juli 2012

Printausgabe vom
05. Juli 2012
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Wo orten die politischen Parteien, der Verein Handel und Gewerbe Höngg und der Quartierverein Höngg Möglichkeiten, um den Detailhandel zu stärken?

Die Reaktionen aus der Bevölkerung auf die bereits erschienenen Artikel unter dem Titel «Dörfs es bitzeli meh sii?» waren bemerkenswert. Der «Höngger» hatte Liegenschaftsbesitzer rund um den Meierhofplatz und den Hönggermarkt gefragt, nach welchen Kriterien sie Neuvermietungen vornehmen. Die Antworten fielen allesamt wohlklingend und leider ebenso nichtssagend aus. Zum letzten Teil dieser Serie fragte der «Höngger» alle politischen Parteien im Kreis 10, den Quartierverein Höngg und den Verein Handel und Gewerbe Höngg (HGH) nach Rezepten zur Verbesserung der Situation an. Abgesehen davon, dass fast alle die gesellschaftliche Bedeutung einer gesunden Angebotspalette und die Mitverantwortung der Kundschaft hervorheben, reflektieren die Antworten aus den Lagern von Links über die Mitte bis nach Rechts das bekannte politische Spektrum.

Die Parteien nach bekannten Mustern

Andrea Hochreutener, Gemeinderätin SP 10, fordert bezahlbare Gewerberäume, denn: «Für die Quartierbevölkerung schaffen innovative Läden Identität und Begegnungsmöglichkeiten.» Und solche hat es in Höngg zu wenig: «Beim Quartiertreff hat es kein Restaurant mit Umschwung und Spielplatz wie im Gemeinschaftszentrum Wipkingen.» Hochreutener nennt auch den Durchgangsverkehr als grosses Problem. Das Zentrum sei nicht attraktiv, gemütliche Begegnungen gar nicht möglich, denn es fehle ein öffentlicher Platz. Die Gemeinderätin der GRÜNEN, Kathy Steiner, sieht die Politik in der Pflicht: «Sie kann zum Beispiel über die Raumplanung steuern, dass nicht noch weitere Einkaufszentren in der Peripherie auf billigem Land gebaut werden und damit über den tiefen Landpreis einen Vorteil bekommen.» Auf die Hauseigentümer könne man hingegen keinen Einfluss nehmen: «Bei der Beeinflussung der Privatwirtschaft sind der Politik die Hände gebunden, da können höchstens Gewerbeverein und Quartierverein das Gespräch suchen.» Anders, so Steiner, sähe es aus, wenn die Liegenschaften in städtischem Besitz wären, dann könnte die Politik direkt über Mietpreisgestaltung und Mieterschaft mitbestimmen. Deshalb würden die linken Parteien dezidiert unterstützen, dass die Stadt aktiv als Käuferin in den Liegenschaftenmarkt eingreift, doch dem würden spekulative Verkäufer oftmals Limiten setzen. Was die Politik indes direkt beeinflussen könne, sei die Gestaltung der Umgebung der Läden. «Die Stadt Zürich», so Steiner, «hat eine Strategie entwickelt für die Stärkung der Quartierzentren. Durch eine attraktive Gestaltung nimmt deren Aufenthaltsqualität zu und sie werden von Fussgängern häufiger frequentiert.» Der Meierhofplatz aber habe seinen Charakter als zentralen Platz weitgehend verloren und werde durch den Verkehr vereinnahmt. Auch Eva Gutmann, Kantonsrätin der Grünliberalen (GLP), findet, es dürfe nicht sein, dass immer mehr Detaillisten aus Höngg vertrieben werden, weil sie überteuerte Ladenmieten zahlen müssen: «Der Verein Handel und Gewerbe Höngg hat da eine wichtige Funktion und soll sich engagieren, damit den Hönggern die Einkaufsmöglichkeiten und damit die Lebensqualität erhalten bleiben», fordert sie den HGH auf. Claudia Rabelbauer, Gemeinderätin der EVP, sieht ebenfalls keine Möglichkeit, politisch auf die Liegenschaftsbesitzer Einfluss zu nehmen: «Aber man könnte zumindest den politischen Druck auf die Stadt erhöhen und ein Zeichen dafür setzen, dass sich die Stadt nicht nur für günstige Wohnungen, sondern auch für günstige Gewerberäume einsetzen soll.» Die EVP habe sich dafür ausgesprochen, die KMU in der Stadt Zürich mit konkreten Vorstössen aktiv zu fördern. Einen kreativen Vorschlag zur Angebotsverbesserung richtet sie an den HGH: «Der HGH könnte doch eine Bedarfsabklärung bei der Bevölkerung machen, zum Beispiel via Inserat mit anschliessendem Wettbewerb und Verlosung.» Die CVP, derzeit mit keiner Vertretung aus dem Kreis 10 in den Zürcher Parlamenten, kommt zum Schluss, dass nur die Zusammenarbeit aller Involvierten den Trend brechen könnte. Oliver Dudler, Präsident CVP 10, nennt das Problem mit Verweis auf den aktuellen Trend an der Bahnhofstrasse etwas, das nicht nur Aussenquartiere betrifft. «Allerdings sind die Auswirkungen einer solchen Entwicklung für Quartiere wie Höngg viel einschneidender als für die ohnehin lebendige Innenstadt. Gelingt es Höngg nicht, dieses Angebot zu halten, verkommt es zum Schlafquartier», gibt er zu bedenken. Und dies könne nicht im Interesse der Vermieter sein, da nur ein attraktives Quartier entsprechende Mietzinseinnahmen garantiere. Dudler sieht es auch als Aufgabe des HGH, aktiv auf die Liegenschaftsbesitzer zuzugehen und deren Sensorium für die Bedeutung des Themas zu schärfen. Er ist überzeugt, dass sich so mittelfristig aber etwas bewegen liesse, und kündigt an, selbst auf den HGH zuzugehen und die Anliegen der Gewerbler zu unterstützen: «Nur mit einer engen Zusammenarbeit zwischen Gewerbe und Politik lässt sich Einfluss nehmen auf die Entwicklung des Quartiers.» Claudia Simon und Alexander Jäger, beide für die Höngger FDP im Gemeinderat, bedauern gemeinsam, dass in Höngg zunehmend kleine Läden und Gewerbebetriebe schliessen. Die FDP sei aber der Meinung, dass Angebot und Nachfrage vom Markt bestimmt und nicht durch staatliche Eingriffe reguliert werden sollen. Die FDP appelliert aber auch an die privaten Vermieter, die KMU mit marktüblichen und nicht unbezahlbaren Mieten zu unterstützen: «Das Problem der KMU sind nämlich nicht nur die hohen Mieten, sondern die unnötigen Vorschriften und Regulierungen.“Am rechten Rand des politischen Meinungsspektrums äussert Martin Bürlimann, Gemeinderat der SVP, Höngg habe ein erstklassiges Gewerbe: «Fachgeschäfte, Dienstleister und KMU aller Art bedienen die Kunden auf höchstem Niveau zu fairen Preisen.“Und mit einem Wink an den HGH meint er, dieser vertrete das Gewerbe bestens, dürfte seine Anliegen aber ruhig etwas pointierter zum Ausdruck bringen. Auch Bürlimann bringt den Verkehr ins Spiel, allerdings anders als seine linken Kontrahenten: «Mit dem Parkhaus an guter Lage hat Höngg einen einmaligen Vorteil, den nur die wenigsten anderen Quartiere haben.»

Was meint der angesprochene HGH?

André Bolliger, Präsident des HGH, kann das Schlagwort der drohenden «Verslumung» nicht so recht nachvollziehen: «Immerhin investieren die grösseren Unternehmungen Unsummen von Geld, gerade weil sie den Standort Höngg als attraktiv einstufen.» Und die Frage, ob es miteinander besser gehe, wie es im HGH-Motto lautet, sei in diesem Zusammenhang falsch gestellt. Er konzentriert sich auf die Ausgangslage: «Wir bewegen uns in einem marktwirtschaftlichen Umfeld und müssen uns dort auch behaupten.» Die meisten Liegenschaften gehören grossen Institutionen oder Anlegergemeinschaften, welche ausschliesslich eine veritable Rendite erwirtschaften wollen, so Bolliger, und: «Handel und Gewerbe Höngg besitzt weder die Mittel noch die Beziehungen, um kurzfristig Einfluss auf diese Entwicklung zu nehmen.» Vorab müssten politische Vorstösse initiiert werden. Aber: «Eine Mehrheit im Gemeinderat zu finden erachte ich als aussichtslos. Zu viele Vorschriften und Gesetze wurden in der letzten Zeit erlassen oder durchgesetzt. Und vergessen wir nicht, dass wir uns in einer freien Marktwirtschaft bewegen. Diese ‹Freiheit› durch zusätzliche Beschneidungen einzudämmen, kann nicht im Sinne eines jeden Unternehmers sein.» Mit Blick auf die Höngger Detaillisten fragt Bolliger offen: «Vielleicht müssten sich unsere Unternehmen ein wenig selber hinterfragen, ob ihr Angebot den Bedürfnissen der Kundschaft überhaupt noch entspricht oder ob schlicht und einfach die Zeichen der Zeit falsch interpretiert wurden. Ich jedenfalls bin der Meinung, dass man sich die Synergien der ‹Grossen› auch zu seinem eigenen Vorteil nutzen könnte.» Und an die Gesellschaft gerichtet fragt Bolliger kritisch: «All jene die sich über das ‹Lädelisterben› aufregen, sollten sich vielleicht ehrlich fragen, wo sie dies und das in den letzten Jahren so eingekauft haben. Danach könnte man eventuell über die sogenannte Solidarität diskutieren.»

Gewinnstreben vor Gemeinsinn

Auch der Quartierverein ortet bei sich selbst nur einen begrenzten Handlungsspielraum. Man sei zwar immer wieder im Gespräch mit Vermietern, das führe aber nur ausnahmsweise zum gewünschten Erfolg. Wiederholt habe man feststellen müssen, dass das kurzfristige Gewinnstreben über dem angesprochenen Höngger Gemeinsinn steht und optimale Lösungen für das Quartier verhindert. Die Frage war gestellt worden, wer den Ball aufnimmt. Offenbar bleibt er im Mittefeld liegen – und das ist weder politisch noch fussballerisch zu verstehen.  

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