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Schulen in Höngg, Teil 1: Eine Reise durch vier Jahrhunderte

14. Januar 2015 von

Foto: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich

Das Gemeinde- und Gesellenhaus Rebstock am Meierhofplatz, in dem 1615 das erste offizielle Schulzimmer der Gemeinde Höngg war.

Foto: zvg

Autor Markus Schmid, stehend, Zweiter von links, 1957 in der 6. Klasse in Frauenfeld: Lehrer Zingg unterrichtete 51 Kinder.

Von

Online seit
14. Januar 2015

Printausgabe vom
15. Januar 2015
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Schule bewegt, denn alle haben sie viele Jahre lang besucht. Die mehrteilige Artikelserie stellt in lockerer Folge die Höngger Volksschule vor. Schulpflege, Schulleitungen, Lehrkräfte, Eltern, aktuelle und ehemalige Schüler werden zu Wort kommen. Eingeleitet wird der erste Teil mit Gedanken zur «Institution Schule» und ihrer Funktion in der Gesellschaft. Im Mittelpunkt steht danach die Geschichte der Schule im früheren Dorf und, seit 1934, des Stadtquartiers Höngg.

Die meisten von uns haben einen gewichtigen Teil ihrer Kindheit in der Volksschule verbracht. Die unterschiedlichsten Lehrkräfte standen uns gegenüber. Wir liebten sie, wir hassten sie, sie begeisterten, sie langweilten uns. Wir fanden Freunde und trafen auf Feinde. Manche gingen mit Leichtigkeit und erfolgreich durch die Schule, anderen bekundeten Mühe mit dem Lernen oder fanden sich in der Klassenhackordnung weit unten. Erinnerungen an die Schulzeit verbinden und trennen, mit Sicherheit lassen sie uns aber nicht gleichgültig! Prägend für unseren weiteren Lebensweg war diese Zeit allemal.
Die hier umschriebenen persönlichen Erlebnisse gründen auf einem ganz besonderen «sozialen System». Der Kindergarten-Eintritt beendet schlagartig den Vorrang des Privaten in der frühen Kindheit. Die Volksschule ist in hohem Mass ein öffentlicher und damit politisch bestimmter «Betrieb», dessen Ziele allerdings nicht einheitlich und eindeutig definiert werden können. Zur Schule gehören zwei grundsätzlich unterschiedliche Zielebenen. Zum einen die technokratische: die Schule als Organisation zur Steuerung von Lernprozessen, zum Erwerb von Qualifikationen, abgestimmt auf den jeweiligen Bedarf der Wirtschaft. Dazu kommt die Selektion aufgrund individueller Leistungsfähigkeit in den Kernfächern Sprache(n) und Mathematik – mit grossem Einfluss auf den zukünftigen sozialen Status der Schüler.
Zum anderen die humanistische oder pädagogische Ebene: Hilfe an der Bildung eines jeden Menschen als Individuum, zur Entfaltung seines ganz persönlichen Potenzials, aber auch zur Übermittlung von moralischen, gesellschaftlichen und politischen Vorstellungen. Der Pädagoge, Philosoph und Politiker Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827), dessen Grossvater Andreas Pestalozzi als reformierter Pfarrer in Höngg gewirkt hat, formulierte seinen ganzheitlichen Ansatz mit der bekannten «Dreifaltigkeit» Kopf, Herz und Hand, die für Intellekt, Sitte und praktische Fähigkeiten steht. Dieser Spannungsbogen lässt sich nicht auf die eine oder andere Seite hin auflösen, ohne dass dabei Wesentliches verloren geht. Wirtschaft, politische Parteien, Zeitgeist und Medien haben seit jeher unterschiedliche Positionen zum Thema Schule und (Aus)Bildung vertreten oder propagiert. Die Auseinandersetzungen darüber verliefen und verlaufen stets emotional.

Weniger Lohn als der Schweinehirt

Begeben wir uns nun auf eine «Schulreise» durch die Vergangenheit: Eine Lohnzahlung an den Schulmeister Oth (Otto) Guldibeck, 1579 in der Kirchengutsrechnung Höngg vermerkt, ist der erste schriftliche Hinweis auf schulische Tätigkeiten in Höngg. Es gilt aber als sicher, dass schon einige Jahre vor 1579 in Höngg gelegentlich Schule gehalten wurde, denn dem Zürcher Reformator Zwingli (1484-1531) und seinem Nachfolger Bullinger (1504-1575) war es wichtig, dass das Volk die Bibel lesen lerne. «Dem Schulmeister syn lon» – ein Dauerthema bis zum heutigen Tag! Der Oth Guldibeck erhielt für ein halbes Jahr Schulmeisterei 2 Pfund, was, verglichen mit den 3 Pfund, die der Höngger Schweinehirt für ein ganzes Jahr bezog, nicht eben von grosser Wertschätzung für die Schule zeugt. Erst das kantonale Schulgesetz von 1832 erlöste die Lehrkräfte von der dörflichen Finanzwillkür. Immerhin, der Lehrer bekam noch ein Schulgeld, das ihm die Schüler jeden Montagmorgen abzuliefern hatten, und im Winter täglich das Schulscheit. Mit 100 Schülern im Winter kam er gut durch, mit nur gegen 30 im Sommer war er auf Nebenbeschäftigungen, unter anderem als Sigrist der reformierten Kirche, angewiesen. Unterrichtet wurde vorerst im Haus des Schulmeisters, in der eigenen, zur Verfügung gestellten Bauernstube. Wo diese ersten «Schulhäuser» standen, ist nicht bekannt. 1615 platzierte die Gemeinde das Schulzimmer dann im neuen Gemeinde- und Gesellenhaus Rebstock. Aber da «das Gesellenhaus und ein Schul sich so wenig wie als liecht und finsternuss zemen rymend», bemühte man sich beim Abt von Wettingen um die leerstehende Kaplanei am Wettingertobel. Mit einem Staatsbeitrag vom Grossmünsterstift, den die Höngger mit untertänigstem Dank in Empfang nahmen, entstand 1643 das erste Höngger Schulhaus. 1856 erweitert erfüllte es seinen Dienst bis 1907 und dann nochmals von 1934 bis 1958. Heute beherbergt das Wettingertobel einen Kindergarten, eine Klasse der heilpädagogischen Schule, einen Hort sowie Räume für das Musikkonservatorium und ist Teil der Schule Vogtsrain.

Erst ab 1750 entstand, was heute noch ist

Bis etwa 1750 standen die sogenannten unteren Schulen ganz im Dienste der kirchlichen Unterweisung. Es ging ums Lesen und Auswendiglernen, rechnen konnten die wenigsten. In der Stadt gab es Lateinschulen, die heutigen Gymnasien. Eine grundlegende Erneuerung erlebte die Schule, parallel zur Industrialisierung, durch den Einfluss von Aufklärern wie Rousseau oder Pestalozzi. Es entstanden Lehrerseminare, 1832 trat ein kantonales Schulgesetz in Kraft und 1874 wurde die obligatorische, unentgeltliche Primarschule in der Bundesverfassung verankert.
Das Dorf Höngg entwickelte sich vom bäuerlichen Flecken unweit der Stadt Zürich zu deren Vorort, in dem Gewerbetreibende, Kaufleute, Beamte und Industriearbeiter die Bauernschaft bald in Minderheit versetzten. Die Bevölkerung und mit ihr die Schülerzahl wuchsen stetig. Diese Entwicklung spiegelt sich im Bau neuer Schulhäuser – eine kurze Aufzählung: 1883 wurde das vierzimmrige Bläsischulhaus (B) eingeweiht. Es lag westlich des heutigen Bläsischulhauses (A), das mit seinen neun Klassenzimmern 1907 den Dienst aufnahm. Das Bläsi B wurde 1977 abgetragen. Es folgten 1953 die Sekundarschule Lachenzelg, 1957 ergänzt durch die Schulhäuser Imbisbühl und Pünten, 1963 das Riedhof-, 1973 das Vogtsrain- und 1994 das Rütihofschulhaus. Das Schulhaus Am Wasser beschliesst im Jahr 2000 den Reigen der Höngger Schulhäuser. Alle Schulgebäude wurden und werden seit ihrer Eröffnung regelmässig neuen Bedürfnissen angepasst, erweitert, renoviert, umgebaut.

Quellen:
– Mitteilung Nr. 19 «Von der Bauernstube zur Gross-Schulhausanlage» von Reinhold Frei.
– Ortsgeschichte Höngg von Georg Sibler
Beide herausgegeben von der ortsgeschichtlichen Kommission des Verschönerungsvereins Höngg, erhältlich im Ortsmuseum Höngg, Vogtsrain 2.
– 1934-2009: Vom Dorf Höngg zum Quartier Zürich-Höngg, von François und Yves Baer, herausgegeben vom Quartierverein Höngg.

Markus Eisenring leitete von 1988 bis 2003 die Jugendsiedlung Heizenholz, heute Wohn- und Tageszentrum Heizenholz. Er wohnt an der Bläsistrasse in Höngg. Seit 2012 in Pension geht er diversen Freiwilligen-Engagements nach, zum Beispiel als Tixifahrer und als Schülerbegleiter im Rahmen der Organisation Arche.

 

Kommentare

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500
14. Februar 2016 um 23:16 Uhr von Doris Turin

Guten Tag, ich freu mich etwas über Höngg zu lesen, ich bin dort aufgewachsen ! Eben Georg Silber ( und vorallem die Kinder waren meine Nachbarn und Spielgefährten )
Gerne komme ich auf diese Seite zurück !
Oder sogar auf Besuch , um die Leute wieder zu sehen!
Beste Grüße
Doris TURIN , damals Müller ( Tochter von Heini Müller ) Limattalstr. 224 ;))