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Ein Höngger auf hoher See

20. April 2016 von

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Prächtig aber kalt: Emil Loppacher zwischen Eisbergen.

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Mit diesen Schiffen...

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... fuhr der Autor...

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... damals auch zu wärmeren Gefilden.

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Das Sehmannsbuch des Autors.

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Online seit
20. April 2016

Printausgabe vom
21. April 2016
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Am 19. April feierte die Schweizer Handelsflotte ihr 75-Jahre-Jubiläum. Dass es eine Schweizer Handelsmarine gibt, ist dennoch vielen nicht bewusst, denn für ein Binnenland ist es sicher ungewöhnlich, eine Seefahrer-Nation zu sein. Wie kam es dazu und was ein Höngger auf hoher See erlebte.

Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 wurde die Schweiz immer mehr isoliert. Als Land ohne Bodenschätze kam die Schweiz während der Kriegswirren durch die Blockade von Transportwegen für wichtige Güter aus dem Ausland in arge Bedrängnis. 1941 erkannten Wirtschaft und Regierung die Notwendigkeit, eine neutrale, unter Schweizer Flagge fahrende Handelsmarine zu gründen. Innert nur eines Monats wurde ein Schweizerisches Hochseeschifffahrtsgesetz geschaffen und vom Parlament verabschiedet. Um die Neutralität zu gewährleisten, wurden strenge Vorschriften betreffend Besitzverhältnisse und Flagge erlassen. Obwohl diese riesigen Ozeanschiffe nie die Schweiz erreichen, ist bis heute Basel der Heimathafen aller 49 unter Schweizer Flagge fahrenden Schiffe. Auch das Hochseeschifffahrtsamt befindet sich in Basel. Diese Behörde ist exklusiv berechtigt, für Schweizer Besatzungsmitglieder ein Seemannsbuch auszustellen.
Nebst einigen kleinen Reedereien sind heute vor allem die Gesellschaften Suisse Atlantique SA, Renens, Massoel Ltd., Genève, Reederei Zürich AG, Zürich, und Enzian Ship AG, Zürich, als Reeder aktiv. Die meisten Schiffe haben auch Namen mit Bezug zur Schweiz, wie «Bregaglia», «General Guisan», «Stockhorn», «Diavolezza» oder «Glarus».
Noch 1965 bestand die Besatzung aus 62 Prozent Schweizern, heute sind es nur noch rund zwölf Prozent. Die übrigen Crew-Mitglieder stammen hauptsächlich aus Italien, Holland, Ex-Jugoslawien, Dänemark, Polen, Philippinen, Spanien und Portugal.
Viele Schweizer beginnen ihre Seefahrerkarriere auf den Rheinschiffen zwischen Basel und Rotterdam. Die weitere Ausbildung übernehmen die Marineschulen in Deutschland, Dänemark oder den Niederlanden. Einige Schweizer haben es bis zum Kapitänspatent geschafft.
Eine Ausbildungsstätte für Funker bestand bis 1960 bei der Radio Schweiz AG, Bern. Von 1960 bis 1985 übernahm eine private Abendschule die entsprechende Ausbildung. Ab 1992 kam das neue, weltweite Kommunikationssystem GMDSS für Hochseeschiffe zum Einsatz und ersetzte die Tätigkeit des Funkers.

Ein Höngger auf hoher See von 1963 bis 1967

Am 18. April 1963 begann meine Seemannskarriere in Rouen auf dem Schweizer Schiff «M/S Bregaglia». Die Anstellung als «Bäcker/2nd Cook» erfolgte durch die Reederei Suisse Atlantique SA, Lausanne. Meine Aufgabe war es, täglich frisches Brot zu backen, in der Küche mitzuhelfen und den Chef-Koch an seinen Freitagen zu vertreten. Ab und zu bereitete ich der Besatzung an Sonntagen auf hoher See mit einem feinen Butterzopf eine grosse Freude.
Nach mehreren Fahrten zwischen Europa und Kanada suchte ich nach acht Monaten eine neue Herausforderung. Mein Vorgesetzter, Chef-Steward Armando Ferriroli, war mein Vorbild. Um jedoch den Posten als Chef-Steward zu bekommen, musste ich das Wirtepatent oder eine ähnliche Ausbildung vorweisen. Ich besuchte deshalb an der Hotelfachschule Belvoirpark in Zürich einen dreimonatigen Kurs und bewarb mich anschliessend bei meinem vorherigen Arbeitgeber Suisse Atlantique für die Stelle als Chef-Steward.
Während den nächsten drei Jahren war ich in dieser Funktion auf den Schiffen «Cruzeiro do Sul», «Bariloche» und «St. Cergue» tätig. Auf Kreuzfahrtschiffen kennt man den Chef-Steward vor allem als Gästebetreuer, auf Frachtschiffen ist er jedoch verantwortlich für Verpflegung, Unterkunft und Einkauf der Lebensmittel und Getränke sowie für das Wohlbefinden der Besatzungsmitglieder. Die Tätigkeit ist vergleichbar mit den Aufgaben eines Fouriers in der Armee. Unsere Fahrten führten von Europa über Ägypten, Indien, Japan, Australien, Madagaskar, Réunion, Comores, Moçambique und Südafrika bis nach Argentinien.

Schiff verpasst, Karriere am Ende

Meine Schifffahrtskarriere fand am 6. April 1967 ein jähes Ende: Beim Landgang in Argentinien dauerte der Abschied von einer Freundin etwas zu lange − als ich mit dem Taxi am Pier im Hafen von Buenos Aires eintraf, war mein Schiff schon weg. Ich stand geschockt an der leeren Anlegestelle der «M/S St. Cergue», in Hose und Hemd, ohne Pass und Geld. Die ersten zwei Tage bekam ich Essen und eine Schlafstelle im Seemannsheim. Die meisten Reedereien beschäftigen in den grösseren Häfen Schiffsagenten als Verbindungsleute zu Zoll- und Migrationsbehörden sowie zu Händlern für Schiffsproviant. Unser Schiffsagent in Buenos Aires organisierte mir in den folgenden drei Tagen Vorschuss von meinem blockierten Lohnkonto, beim Schweizer Konsulat provisorische Papiere und ein Lufthansa-Flugticket von Buenos Aires via Sao Paulo, Frankfurt nach Zürich.
Der verlängerte Abschied kostete mich über 4000 Franken und die Arbeitsstelle. Vielleicht war es ein Wink des Himmels, das Seefahrerleben zu beenden? Oft hat ein Unglück auch eine positive Seite: Im darauf folgenden Winter arbeitete ich im Bergrestaurant «Pischa» in Davos und fand dort Jeannine, die grosse Liebe meines Lebens.

Die Schweizer Marine im Rettungseinsatz

Im September 1962 startete, nach einem Zwischenhalt zum Auftanken, die viermotorige «Lookeed Super Constellation» der Chartergesellschaft «Flying Tiger Line» in Neufundland mit Ziel Frankfurt. An Bord waren 68 Passagiere und acht Besatzungsmitglieder. Fünf Stunden nach dem Start waren drei der vier Motoren ausgefallen und der Pilot entschied sich für eine Notwasserung auf dem Atlantik, rund 1000 Kilometer westlich von Irland. Beim Aufsetzen im stürmischen Nordatlantik wurde dem Flugzeug der linke Flügel abgerissen. Die «Super Constellation» sank nach wenigen Minuten. Die 51 Personen, welche die Notwasserung überlebt hatten, schafften es im sieben Grad kalten Wasser die einzige noch verfügbare Rettungsinsel zu erreichen.
Nur 115 Kilometer vom Unglücksort entfernt war zu dieser Zeit der Schweizer Frachter «M/S Celerina» mit 12’000 Tonnen Getreide nach Antwerpen unterwegs. Per Funk wurde das Schiff aufgefordert, zur Unglücksstelle zu fahren. Geleitet von amerikanischen und britischen Militärflugzeugen erreichte die «M/S Celerina» nach sechs Stunden das Rettungsfloss. Der Schweizer Schiffszimmermann war dank seiner Pontonierausbildung massgeblich am Erfolg der Rettung von letztendlich 48 Überlebenden beteiligt.

Eingesandt von Emil Loppacher

Zum Andenken an die Gründung der Hochsee-Handelsflotte hat die schweizerische Post eine Sonderbriefmarken-Serie ausgegeben.
Vom 19. April bis 13. November zeigt eine Ausstellung im Museum «Verkehrsdrehscheibe Schweiz» in Basel Dokumente, Fotos und Schiffsmodelle zum Thema «75 Jahre Hochseeschiffe unter Schweizer Flagge».

Der Autor
Emil Loppacher wohnt seit 1982 an der Winzerhalde in Höngg. Geboren wurde er am 27. Mai 1940 und wuchs in Unterägeri ZG in einer Grossfamilie mit 14 Kindern auf. Nach der Bäcker-/Konditorlehre in St. Gallen fuhr er drei Jahre mit der Schweizer Hochsee-Handelsmarine zur See, danach war er sechs Jahre als Hotelier in Glarus und 26 Jahre im Zahlungsverkehr des Schweizerischen Bankvereins Zürich tätig.

Kommentare

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1. Juni 2016 um 11:37 Uhr von Ferenc

Super! Und vielen Dank. Toll solche Geschichten.