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Dorfleben

Ein äusserst unterhaltsames Leichenmahl

17. Mai 2017 von

Foto: Dagmar Schräder

Der Koch singt sein trauriges Lied.

Von

Online seit
17. Mai 2017

Printausgabe vom
18. Mai 2017
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Am Wochenende vom 6. und 7. Mai führte das «CaféZeit-Ensemble Zürich Höngg» im reformierten Kirchgemeindehaus seine neueste Produktion vor: «Die Erbschaft», ein szenischer Liederabend rund um einen Leichenschmaus mit Testamentsverkündung.

Auf der Bühne ist alles für die Trauergäste vorbereitet: Eine festliche Tafel ist gedeckt, auf den Regalen im Hintergrund stehen die Weinflaschen in Reih und Glied und der Flügel wartet auf den Pianisten, gespielt von Jürg Brunner. Der schläft momentan allerdings gerade noch, den Kopf auf den Tisch gelegt, nach einem offensichtlich ziemlich entgleisten feuchtfröhlichen Anlass, während der für das Traueressen zuständige Koch (Rico Lutz) unter dem Tisch schnarcht. Entsetzt betritt der Kellner (Harry Hes) des Etablissements die Szenerie, bemerkt den Schlamassel und schafft es nicht nur, den Pianisten an den Flügel und den Koch in die Küche zu verfrachten, sondern auch die Gläser mit ein wenig Spucke nachzupolieren und obendrein noch – begleitet vom Pianisten – ein kleines Lied anzustimmen, bevor die Gäste eintreffen.

Eigenes Stück des CaféZeit-Ensembles Zürich Höngg

Mit dieser Szene eröffnete das generationenübergreifende «CaféZeit-Ensemble» sein diesjähriges Programm «die Erbschaft» und vermochte das Publikum gleich vom ersten Moment an mit der gelungenen Mischung aus Musik und Theater zu überzeugen. Das Ensemble hatte das Stück – wie auch die sieben vorhergehenden Produktionen – unter der Leitung des in Hamburg wohnhaften Regisseurs und Schauspielers Rico Lutz gemeinsam mit den Protagonisten entwickelt und kreiert und präsentierte es nun mit sichtlicher Freude am Spielen und Musizieren.

Ein verhunztes Essen und eine Verstorbene mit Videobotschaft

Mit viel Engagement und Schalk führten die 10 Darstellerinnen und Darsteller in den folgenden 60 Minuten das Publikum durch das leicht skurrile Programm. «Die Erbschaft» stellte dabei einerseits eine humorvolle Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit dar und gleichzeitig eine schöne Hommage an das Leben. Auf der Trauerfeier wurde getrunken, eher weniger getrauert, aber viel geplaudert, sinniert, gestritten, gelacht und natürlich musiziert – und somit die ganze Gefühlspalette menschlicher Regungen abgedeckt, wobei jeder der Trauergäste seinen ganz eigenen Charakter zeigte. Während einer der Gäste (Edy Sieber) den ganzen Nachmittag eigentlich nur versuchte, seinen Witz von Mörgeli, Erdogan und einem Kaninchen loszuwerden und von den anderen stets mit dem Vermerk «dä känne mehr scho» ausgebremst wurde, versuchte ein anderer (Kurt Brunner) krampfhaft und ziemlich ungelenk, auf der Trauerfeier eine Frau fürs Leben zu finden, um seine Einsamkeit zu besiegen. Die extrovertierte Dame, gespielt von Madelaine Lutz, der Produzentin des Ensembles, und der Chef (Harry Hes) dagegen schienen keine Einsamkeitsprobleme zu haben und besangen gemeinsam ihre einzigartige Beziehung, derweil die Hundeliebhaberin und -züchterin (Julia Christ) stets mit ihrem Stoffhund kuschelte. Allen gemeinsam war jedoch, dass sie hungrig und zunehmend verzweifelt auf ihr Essen warteten, das der Koch offensichtlich nicht ganz so hingekriegt hatte wie geplant. Und mitten in all diesem Trubel erschien die frisch Verstorbene immer wieder im Hintergrund auf dem Bildschirm und wandte sich mit Videobotschaften an die Trauergäste.

Fröhliche, romantische und nachdenkliche Töne

Der rote Faden des Stücks wurde dabei weniger durch die Dialoge, als vielmehr durch die zahlreichen Lieder, die die Mitglieder des Ensembles als Solisten, im Duett oder alle gemeinsam zum Besten gaben, gesponnen. Von Volksliedern über Schlager bis hin zu Popsongs deckten sie eine breite Palette an Liedgut ab und animierten das Publikum auch immer wieder zum Mitsingen. Dabei stimmten sie neben fröhlichen Trinkliedern wie «Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da» und romantischen Liebesliedern wie «Aber Dich gibt es nur einmal für mich» auch nachdenkliche und melancholische Töne an – etwa, als der Koch das Lied von Polo Hofer «Blueme» spielte, in dem es darum geht, dass man seinen Liebsten Blumen besser noch zu Lebzeiten, als erst zum Begräbnis schenkt. Politische Ansätze zeigte das Stück in jenen Szenen, in denen Ausschnitte aus dem Chaplin-Film «Der grosse Diktator» und Tagesschau Sequenzen von den aktuell auf der Welt herrschenden Diktatoren gezeigt wurden, begleitet vom Lied «Traum vom Frieden» von Hannes Wader. Eine musikalische Leistung der ganz besonderen Art stellte zudem das Schlürf-Konzert dar, in dem sich die Protagonisten ihre – endlich doch noch aufgetischte – Tomatensuppe mit einem freudigen und sehr rhythmischen Schlürfen zu Gemüte führten.

Die Freiheit als Erbe – und ein unvollendeter Witz

Doch schliesslich war es Zeit für die Testamentsvollstreckung und die Verkündung der Erbschaft: «Ich vererbe Euch das höchste Gut – die Freiheit», sprach die elegante Dame in ihrer letzten Videobotschaft. Ihre Erben trugen dieses überraschende Erbe mit Fassung und stimmten – wie könnte es anders sein – gemeinsam «Die Gedanken sind frei» an. Damit endete das Stück, und die Darstellerinnen und Darsteller konnten für ihre bravouröse schauspielerische und musikalische Leistung vom Publikum mit begeistertem Applaus gefeiert werden. Bleibt nur zu hoffen, dass bei der nächsten Produktion noch ein wenig mehr Zuschauerinnen und Zuschauer den Weg ins Kirchgemeindehaus finden, damit das Ensemble vor vollbesetztem Haus spielen kann. Ach, und noch ein letzter Wunsch von Seiten der Schreibenden zum Schluss: Könnte ihr irgendjemand den Witz mit Mörgeli, Erdogan und dem Kaninchen zu Ende erzählen?

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