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«Die Zukunft soll man möglich machen»

15. März 2017 von

Foto: Fredy Haffner

Fredy Schär vor der Bäckerei Café Frankental – wo er laufend begrüsst und in einen Schwatz verwickelt wird.

Foto: zvg

Luftaufnahme der frisch fertiggestellten Siedlung Frankental.

Von

Online seit
15. März 2017

Printausgabe vom
16. März 2017
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Fredy Schär ist seit 1998 Präsident der GEWOBAG. Unter ihm fand sie aus der Stagnation der 1980er- und 90er Jahre den Weg in die Gegenwart und geht weiter in die Zukunft. Sieht er davon im Frankental konkrete Ergebnisse?

Ab 1998, als Fredy Schär zum Präsidenten der GEWOBAG gewählt wurde, begann der grosse Umbruch in der Baugenossenschaft. Die Wohneinheiten wurden von 1685 auf 2001 (Stand 2013) ausgebaut, und die Gesamtwohnfläche verdoppelte sich beinahe von 82 000 auf 160 000 Quadratmeter. Selbst bei den Nebenräumen wie Garagen, Bastelräumen, Kindergärten und Gewerberäumen legte die GEWOBAG in diesem Zeitraum von 1406 auf 2155 zu. Das sind beachtliche Zahlen. Speziell auch deshalb, weil abgesehen von kleineren Arrondierungen alles auf bestehenden Flächen realisiert wurde.
Alte Substanzen wurden durch neue ersetzt – oder es wurden zwischen die bestehenden, wie im Frankental, neue Blöcke hinzugefügt. Die klassische Verdichtung. Schär dazu: «Wir haben eine Wohnungsnot und es war uns wichtig, dieser zu begegnen. Aber ich bin strickte dagegen, dass man weiter grüne Wiesen verbaut. Da wehrt man sich hierzulande noch viel zu wenig dagegen: Das Land, das wir haben, sollten wir besser nutzen und das taten wir». Schär setzt sich auch für naturnahe Aussenräume ein. In Albisrieden wurde ein Bach geöffnet, im Frankental ein Rebberg reaktiviert und der Dachs, der neuerdings darin haust, geniesst höchstpräsidialen Schutz.

Nicht unbestrittener Aufbruch

Dass es zu diesem Erneuerungsprozess überhaupt kam, hat viele Gründe und er war nicht unbestritten innerhalb der Genossenschaft. Tatsache war, dass viele der in der Gründungszeit gebauten Siedlungen sanierungsbedürftig waren – zumal während Jahren selbst der normale Unterhalt vernachlässigt worden war. Daran waren die Genossenschafter und Mieter nicht ganz unschuldig: Man wollte so lange wie möglich günstig wohnen, nichts wurde renoviert und die Häuser schleichend entwertet. Doch Schär, selbst nicht mehr der Jüngste, denkt wie ein Junger. Er, der früher grosse Firmen leitete, sagt, dass jedes Produkt und auch jede Idee irgendwann ihren Anfang nehme. Dann folgen Aufstieg, Sättigung und – wenn man an diesem Punkt nicht handelt – unweigerlich der Niedergang: «Und das gilt auch für Liegenschaften. Wenn wir nichts unternehmen, haben wir irgendwann ein Getto und nur noch eine bestimmte Bevölkerungsschicht, die bei uns wohnt. Gesellschaftspolitisch müssen wir aber eine breite Durchmischung garantieren: Junge, Alte, Familien, Behinderte, alle sollen Platz finden».
Doch warum entschied man sich in den meisten Fällen für einen Totalabriss und bevorzugte nicht eine dauernde Sanierung? Das habe viele Gründe, sagt Schär. Einer ist, dass man in renovierten Häusern keine Generationen zusammenbringt: «Junge wollen andere Grundrisse, Alte gerne einen Lift, andere Strukturen – also bauen wir lieber neu und so, dass es für alle stimmt». Ein zentraler Faktor jedoch sind die geänderten Bauvorschriften: So dürfen Neubauten oft höher sein als ihre Vorgänger und die Ausnutzungsziffern sind grosszügiger als früher. Das führt zu einer wirtschaftlich interessanten Situation, die sich auch auf die Mietzinse auswirkt. Natürlich wohnt es sich in den Neubauten teurer, doch nicht pro Quadratmeter gemessen. In den renovierten Altbauten im Frankental kostet eine Vier- bis Viereinhalbzimmerwohnung brutto zwischen 1100 und 1400, im Neubau zwischen 2200 und 3300 Franken. Die letzte Zahl mag viel sein für eine Genossenschaft, für Höngg und die entsprechende Aussicht ist es aber wenig. Zudem, so habe er mehrfach durchgerechnet, seien Renovationen im Detail und längerfristig betrachtet meistens teurer als Ersatzneubauten. «Und dann ist da noch der Umweltfaktor», betont Schär: «In den bestehenden Häusern liessen sich unsere Umweltziele gar nicht umsetzen». Wie in der Siedlung in Schlieren: Dort hatte früher jeder Block eine eigene Ölheizung – die Neubauten hingegen, mit mehr Wohnungen als früher, werden alle von der Abwärme der Kläranlage Werdhölzli warmgehalten, ohne einen Liter Heizöl zu verbrauchen. «Das wäre mit reinen Renovationen nicht möglich gewesen», sagt Schär. Solche Energienutzungen ging die GEWOBAG auch bei anderen Siedlungen ein und plant weitere.

Aufbruch mit Nebengeräuschen

Als er aber als frischgewählter Präsident als erstes verkündete, die Siedlung am Maloyaweg in Altstetten müsse zurückgebaut und durch moderne Häuser ersetzt werden, schlug das hohe Wellen. Zweimal wurde der Neue fast abgewählt. Doch das Vertrauen in ihn und seine Crew stieg bald, als die Genossenschafter sahen, dass alle abgegebenen Versprechungen über den Ablauf, Umsiedlungen und Mietzinspolitik geflissentlich eingehalten wurden. Nur als Schär von der Überbauung in Uster erzählt, benutzt er das Wort «Schlacht»: «Das war eine Einfamilienhaussiedlung, und für die Mieter war jedes Haus ˂gefühltes Eigentum˃, in dem man ewig bleibt». Als er auch diese Häuser ersetzen wollte, wurden die Medien eingeschaltet und Schär als «Hüslimörder» tituliert. Als dann aber alles doch wie geplant umgesetzt war, zogen sogar einige der ehemaligen alten Bewohner zurück und fanden ihr neues Glück in modernen Wohnungen: «Die alten Rückkehrer hüteten plötzlich die Kinder der Jungen, das gab eine ganz neue Energie in diese Siedlung».

Gesellschaftliche Verpflichtung

So war es auch im Frankental. Es zogen jüngere Generationen zu: «Hier im Frankental war es ziemlich überaltert. Die jungen Familien wollten modernere, grössere Wohnungen und zogen weg. Nun kamen sie zurück, die Modernisierung verlieh der Siedlung einen positiven Generationenschub». Das liege in der gesellschaftlichen Verantwortung der GEWOBAG, sagt deren Präsident, zieht aber auch Grenzen. «Früher boten wir auch subventionierte Wohnungen an. Persönlich fragte ich mich aber oft, warum Wohnungen, die zwischen 1000 und 1300 Franken kosten, noch subventioniert werden müssen. Wer braucht das? Überdies hat unsere Genossenschaft selbst einen Wohlfahrtsfonds, um zu helfen, wenn jemand in Not gerät». Doch die Subventionierung war an Vorschriften zum Einkommen und der Belegung – Anzahl Bewohner plus eins gleich maximale Zimmerzahl – geknüpft: Starb ein Ehepartner, musste der andere in eine kleinere Wohnung ziehen. Das habe ihn immer gestört, sagt Schär: «Da habe ich ein anderes soziales Verständnis. Ebenso störend fand ich, dass Menschen sich ˂hocharbeiten˃ und dann, wenn sie mehr verdienen, quasi als ˂Dank˃ ihre Wohnung verlassen müssen». Also löste man sich aus dem Vertrag mit der Stadt. Schär geht aber noch weiter mit der angezielten Durchmischung. «Gesellschaftspolitisch ist es mir wichtig, auch eine einkommensmässige, vertikale Durchmischung zu erreichen. Warum soll nicht auch ein Reicher bei uns wohnen? Und vielleicht sehen, dass es anderen weniger gut geht? Und der, der weniger verdient, sieht vielleicht, dass der andere für sein Geld ziemlich viel arbeiten geht und auch kein ˂dumme Siech˃ ist». Sowas wirke Wunder, ist der Präsident überzeugt. Neid oder Missgunst sei im Frankental jedenfalls nirgends entstanden durch den neuen Mietermix: «Es ist für uns eine Vorzeigesiedlung geworden, eine unserer besten». Unterdessen sind fast alle Siedlungen ganz oder teilweise zurückgebaut. Jene im Riedhof steht dieses Jahr an. Doch mit Baujahr 1984 ist diese noch zu jung, um total ersetzt zu werden, und von den Grundrissen her auch akzeptabel. Also ersetzt man alle Leitungen, Küchen und Bäder. «Renoviert sind die Häuser für weitere 30 Jahre fit für den Wohnungsmarkt, ein Abbruch wäre reine Wertvernichtung», so Schär.

Das Frankental weiterdenken

Vor der Bäckerei im Frankental sitzend – auch das so eine Idee von Schär, die er gegen erste Vorbehalte realisierte und die heute als der Anonymität vorbeugendes Konzept zum Ziel für jede GEWOBAG-Siedlung wurde – blickt Schär über die Frankentalerstrasse zum Neubau der Bau- und Siedlungsgenossenschaft Höngg (BSH, siehe Artikel auf Seite XY). Die Frage drängt sich auf: Gibt es jetzt, da gegenüber eine neue Infrastruktur entsteht, ein neues Zusammenleben im Frankental, über die eigene Siedlung hinaus? «Wir sind zumindest daran, nach einer besseren Lösung für die Querung der Strasse zu suchen» sagt Schär, mit der Stadt sei man im Kontakt, denn die Strasse sei eine «brutale» Trennung des Quartiers. Doch sonst habe man leider mit der BSH nur wenig Kontakt. Das sei früher mal anders gewesen, sogar eine Fusion sei einst diskutiert worden, doch dann sei man am Widerstand der Vorgänger des heutigen Vorstandes gescheitert. «Das war schade, vielleicht hätten wir dann auch die Bauten besser aufeinander abstimmen können», so Schär. «Nun hoffen wir auf eine konstruktivere Nachbarschaft. Sicher haben wir gemeinsame Anliegen und können uns unterstützen». Eine institutionalisierte Zusammenarbeit gibt es bislang jedoch nicht. Nach einer langen Pause verleiht er der Hoffnung Ausdruck, dass sich aus den «Einzelteilen» des Frankentals ein gemeinsames Zentrum entwickle. Warum aber baute die GEWOBAG nicht selbst noch mehr Ladenflächen für dieses neue Zentrum? Da hätte man zu viel an der Bausubstanz ändern müssen, sagt Schär, für einmal ungewöhnlich zögernd, als ob er sich fragen würde, warum er damals nicht selbst auf die Idee gekommen ist. «Schade, dass man nicht vorher zusammensass und ein gemeinsames Konzept ausarbeitete», sagt er dann wieder mit Blick auf den ganzen Raum Frankental. So könnte man sich auch die Tramendhaltestelle Frankental neu denken. Braucht es den Kiosk an dieser Stelle noch? Warum zieht der nicht in den Neubau der BSH und man nutzt den freien Raum anders, vielleicht einfach als Platz? «Und überhaupt», fragt sich Schär, «warum wendet das Tram hier? Warum fährt es nicht weiter bis nach Engstringen?» Nun, das steht so im kantonalen Richtplan – doch eine Umsetzung ist noch weit weg von jeder Planung. «Die Zukunft soll man nicht voraussehen, sondern möglich machen», zitiert Schär abschliessend Antoine de Saint-Exupéry. Und für ihn gälte eben so oder so: Nicht lange reden: machen. «Und im Notfall sagen: Vorwärts Kameraden, wir müssen zurück».

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