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Die Quartiergruppe Höngg war Pionierin

25. Januar 2017 von

Foto: Ortsmuseum Höngg

Ein «Kübelwagen» des «Abfuhrwesens der Stadt Zürich», unterwegs in den 1950er-Jahren.

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Online seit
25. Januar 2017

Printausgabe vom
26. Januar 2017
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Dass Wertstoffe wie eben Aluminium überhaupt gesammelt und wiederverwendet werden, ist noch gar nicht so lange her. Höngg war der Stadt Zürich aber Dank einer privaten Initiative voraus.

Abfall ist nicht gleich Abfall. Das wusste man seit jeher. Unterschieden wurde aber schon immer zwischen dem was wiederverwendbar ist und jenem, das – zumindest früher – Abfall war und in den nächsten Bach oder Fluss geworfen wurde oder auf einer Deponie landete. Erst im Mittelalter begannen die Schweizer Städte, die Kehrichtabfuhr wenigstens rudimentär zu organisieren. Auch wenn dies lange nur bedeutete, den Müll zu einer Sammelstelle zu tragen, anstatt ihn einfach auf die Strasse zu werfen. Oder wie in Winterthur: Dort musste man den Müll zu einem bestimmten Zeitpunkt in den Stadtbach werfen, der dann geflutet wurde. Erst im 18. Jahrhundert wurde die Abfallentsorgung zur städtischen Aufgabe und mauserte sich im 19. Jahrhundert zum leistungsfähigen Abfuhrwesen, das in Zürich bis 1882 sogar Gewinn abwarf, weil Private alles aufkauften, was sich zu Dünger oder Kompost verarbeiten liess. Zürich nahm 1904 am Standort der heutigen Anlage Josefstrasse die erste Kehrichtverbrennungsanlage der Schweiz in Betrieb. Insbesondere aber während der Weltkriege wurden Altstoffe weiterhin gesammelt. Nach dem zweiten Weltkrieg wuchs – ein Zeichen des wachsenden Wohlstandes und der Konsumgesellschaft – die Abfallmenge stetig an, der «Ochsnerkübel», 1902 eingeführt, wurde dann erst ab 1970 von den Kehrichtsäcken verdrängt.1971 legte das Gewässerschutzgesetz und ab 1983 das Umweltschutzgesetz Leitlinien für die Abfallentsorgung fest. Zahlreiche Verordnungen folgten, doch noch heute liegt der Vollzug in der Kompetenz der Kantone und der Gemeinden. Heute zielen diese vermehrt darauf, Abfall umweltgerecht zu beseitigen, wiederzuverwerten oder im besten Fall gar zu vermeiden.

Die Quartiergruppe Höngg machte es vor

Diesem Gedanken lebte die «Quartiergruppe Höngg» – nicht zu verwechseln mit dem Quartierverein, worauf sie selbst damals im «Höngger» hinwiesen – bereits 1978 nach. 15 Jahre bevor die Stadt selbst flächendeckend Altstoffe zu sammeln begann. Die Quartiergruppe engagierte sich damals in vielen Bereichen (siehe Infobox) und natürlich prägte der Umweltschutz, der damals erst richtig in Fahrt kam, die Gedankenwelt. Und man wollte etwas unternehmen in Höngg. Zuerst ging es um das Sammeln von Altglas, das abgesehen von Pfandflaschen zu jener Zeit meistens noch einfach im Kehricht landete. Ein kleiner Leserbericht im «Höngger» vom 2. November 1978 über ein spontanes Fest der Quartiergruppe auf der Schärrerwiese erwähnt zum ersten Mal, dass man sich eine Glassammlung überlege. Bereits am 22. November traf sich die Gruppe im «Sonnegg», um das Thema «Glassammlung und Kulturveranstaltung» zu besprechen, wie im «Höngger» unter Vereinsnachrichten erwähnt wurde. Bereits einen Tag später – der Text dazu musste schon vor der Versammlung an die Druckerei gesandt worden sein – publizierte die Gruppe einen Aufruf im «Höngger», Glas künftig zu sammeln, um es am 2. Dezember, der ersten Sammelaktion der Gruppe, entweder zur Tramendstation Frankental oder an den Meierhofplatz zu bringen. «Wir hoffen, alle Höngger benützen diese Gelegenheit zur direkten Beteiligung am Energiesparen, zum Schutze unserer Umwelt und werfen ihr Glas ab sofort nicht mehr in den Abfall, sondern bringen es an unsere Sammelstellen», schloss der Aufruf. Zusammengearbeitet wurde mit der «Vetrum Genossenschaft für Wiederverwertung». Sie lieferte leere Sammelgitter auf Paletten und holte sie noch am Sammeltag wieder ab. Mitglieder der Quartiergruppe sortierten das Glas feinsäuberlich. Man unterschied nicht nur nach Farben, sondern auch nach Mehrwegflaschen und Einweggebinden. Peter Ruggle, damals mit dabei: «Wir schauten auf das Eichzeichen, das unten am Rand des Flaschenbodens klein erkennbar war. Was ein solches Zeichen hatte, vor allem Weinflaschen, ging an die Wäscherei und danach wieder in die Abfüllanlagen. Einwegflaschen und Bruchglas sortierten wir aus».

Probleme gab es verschiedene

Die Sammlungen jeden ersten Samstag im Monat stiessen in Höngg auf grosses Interesse, allerdings war es nicht immer einfach, genügend Helfende an den Sammelstellen zu haben. So publizierte die Quartiergruppe im «Höngger» vom 1. Juni 1979 (nebst dem Hinweis, dass die Sammlung am 2. Juni nicht stattfinden werde, weil die Gruppe am Pfingstmarsch teilnehmen werde) einen Aufruf, sich zu engagieren: «Bis anhin beteiligten sich nur Leute aus der Quartiergruppe. Wir haben aber Angst, dass sich diese Sammelaktion mit der Zeit als selbstverständlich erweist». Genau das solle sie eben nicht sein, schrieb Max Ruckstuhl, heute Mediensprecher bei Grün Stadt Zürich, damals: «So wie es einen Konsum und eine Migros gibt, gibt es eben auch die Glassammlung? Nein!». Es seien Höngger Quartierbewohner gewesen, die aus Umweltschutzgründen damit begonnen hätten und so solle es auch bleiben. Und deshalb rief man zur Mithilfe an den Sammelstellen auf, mit dem Hinweis, dass man dabei auch viel lerne. Zum Beispiel über verschiedene Weinsorten (wegen dem Eichzeichen, nicht wegen dem Leertrinken, Anm. d. Red.) und über Höngger Probleme, von denen es nicht wenige gebe.
Eines davon betraf, ähnlich den Recyclingstellen heute, auch die Disziplin der Sammelnden: So ist in den Hinweisen auf die Sammeltage auch immer wieder vermerkt, man möge doch die Sammelzeiten beachten und Säcke mit Altglas nicht nach 14 Uhr einfach noch deponieren, weil sie sonst vier Wochen liegenblieben, was für die Anwohner nicht angenehm sei. Das erlebte auch das ERZ, das Anfang der 1980er-Jahre selbst Versuche mit Glassammelmulden startete. Eine solche stand bei der Tramwendeschlaufe Wartau, musste aber dort nach Lärmklagen der Anwohner wieder entfernt werden. Der Quartierverein Höngg schrieb dazu Ende Juli 1980, die Behörden hätten 20 mögliche neue Standorte geprüft und verworfen – und bat die Bevölkerung um die Meldung möglicher Muldenstandorte.

Ab 1980 sammelte Höngg auch Aluminium

Am 2. April 1980 kündete die Quartiergruppe dann unter dem Titel «Stopp dem Aluverschleiss» im «Höngger» auch das Sammeln von Aluminium an. Schon damals wies man darauf hin, dass die Herstellung sehr umweltbelastend sei und «ungeheure Strommengen fresse»: Alleine die drei Aluminiumwerke im Wallis, die es damals noch gab, würden jährlich gleich viel Strom verbrauchen wie das gesamte SBB-Netz. Die Gruppe verteilte sogar Flugblätter, um aufzuzeigen, welche Produkte aus Aluminium sind und gesammelt werden können. Und man bat darum, das Sammelgut für die erste Sammlung am 12. April in «möglichst gewaschenem Zustand zu bringen, was nicht heisst, dass es auf Hochglanz poliert sein muss»! Peter Ruggle erinnert sich gut, wie vor allem ältere Personen dem Aufruf nachkamen: «Sie brachten ihre Zahnpasta-Tuben, die damals noch aus Aluminium waren, aufgeschnitten, flachgewalzt und restlos sauber zu uns». Er habe nie rausgefunden, ob sie dies taten, um sauberes Aluminium abzugeben oder ob es noch eine Angewohnheit aus den Kriegsjahren gewesen sei, in denen man Aluminium eben so sammelte und zudem auch darauf bedacht war, auch den letzten Rest Zahnpasta zu brauchen.

Ab 1993 «übernahm» die Stadt

Am 2. Dezember 1990 sagten 70 Prozent des Zürcher Stimmvolks Ja zum neuen Abfallkonzept und bewilligte gleichzeitig einen Kredit von 18 Millionen Franken für die Erstellung von Recycling-Plätzen. Auf Anfang 1993, gleichzeitig mit der Einführung der Kehrichtsackgebühr, standen die ersten Wertstoff-Sammelstellen des ERZ bereit und Zürich begann, «Abfall» zu sortieren: «Seit der Abfallsack etwas kostet und gleichzeitig gratis recycelt werden kann», so gibt Letta Filli, Sprecherin des ERZ Auskunft, «ist die Abfallmenge markant gesunken und die Menge an zurückgebrachten Wertstoffen markant gestiegen». Heute würden rund 43 Prozent aller Wertstoffe, vor allem Glas, Metall, Papier, Karton, Textilien, Elektrogeräte und Bioabfall, zurückgebracht oder für die Sammlung bereitgestellt.

Die Quartiergruppe Höngg engagierte sich in den 1970ern und 1980ern für viele Höngger Belange. Unter anderem für den Erhalt der alten Bausubstanz im Dorfkern oder des Restaurants Mühlehalde. Auch zu Verkehrsfragen nahm man Stellung, und aus den Reihen der Gruppe kam der Impuls zur Gründung des «3.-Weltladens Höngg» 1984, aus dem später der heutige «Canto Verde» am Meierhofplatz hervorging. Aufruf: Wer der Mitglieder von damals hat noch Foto- oder andere Dokumenten zuhause? Oder erinnert sich sonst an die Aktivitäten der Gruppe? Bitte melden per Mail an redaktion@hoengger.ch oder Telefon 044 340 17 05.

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