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Fokus

Die Geschichte des Höngger Schützenwesens

25. Oktober 2017 von

Foto: Schiessplatz-Genossenschaft Höngg

Das Schützenhaus Höngg wurde 1973 erweitert. Die Aufnahme zeigt den Ausblick damals auf das Schiessgelände.

Foto: Geographisches Informationssystem des Kantons Zürich (GIS-ZH)

Karte: Auf der Karte von J. Wild (ca. 1850) ist das erste Schützenhaus auf der Allmend eingezeichnet (roter Kreis): Es stand, aus heutiger Sicht betrachtet, hinter dem Friedhof Hönggerberg an der Kappenbühlstrasse. Geschossen wurde nicht wie heute westwärts, sondern nordwärts in Richtung Affoltern, direkt in eine dafür angelegte Waldschneise (siehe Pfeil).

Foto: Schiessplatz-Genossenschaft Höngg

So sah das Schützenhaus Höngg 1973 nach der Erweiterung aus – und ist bis heute äusserlich kaum verändert worden.

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25. Oktober 2017

Printausgabe vom
26. Oktober 2017
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Die Geschichte des schweizerischen Schützenwesens reicht, wenn auch nicht gerade bis zu Tells Zeiten, so doch weit zurück. Quellen nennen in Höngg 1540 einen ersten «Büchsenschützen», 1697 erstmals ein Schützenhaus und 1843 erstmals eine «Schützengenossenschaft». Was sich daraus entwickelt hat, zeigt dieser Artikel als Auftakt zur Fokus-Serie «Schiessplatz Hönggerberg».

Den grossen Aufschwung nahm es mit dem ersten Eidgenössischen Schützenfest und der Gründung des erstens Eidgenössischen Schützenvereins in Aarau 1824. Die nun regelmässig stattfindenden Schützenfeste waren oft Heimat für liberale Erneuerungsbewegungen. Es wurden laufend Schützenvereine gegründet, die, wie das historische Lexikon der Schweiz verrät, zugleich eine nationalpolitische und eine paramilitärische Funktion hatten: «Ihre Mitglieder griffen zum Teil mit der Waffe in der Hand in die politischen Auseinandersetzungen vor 1848 ein. (…) In der Deutschschweiz nahmen ganze Schützengesellschaften an den Freischarenzügen* von 1844 bis 1845 teil». Damals kam es an Schützenfesten auch oft zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen radikalliberalen und konservativen Kräften. Auch Gottfried Kellers 1861 entstandene Novelle «Das Fähnlein der sieben Aufrechten» erzählt davon.

Obligatorische Mitgliedschaft für Wehrpflichtige

1848 wurde die allgemeine Wehrpflicht eingeführt und 1874 die ausserdienstliche Schiesspflicht. Mit der Durchführung beauftragte man die Schützenvereine und so entstand fast in jeder Ortschaft ein eigener Verein mit Schützenhaus. Die Schiessdistanz wurde auf 300 Meter festgelegt. 1908 übertrug das Militärdepartement die Organisation der obligatorischen Schiessanlässe den Schützenvereinen und verfügte, dass jeder Wehrpflichtige Aktivmitglied eines Schützenvereins sein müsse. Zivile und militärische Schützenkulturen wurden so vereint und hatten – unter dem Eindruck zweier Weltkriege und der Zwangsmitgliedschaft der Wehrpflichtigen – fast ein Jahrhundert Bestand. Erst 1996 hob der Bundesrat die Pflichtmitgliedschaft wieder auf. Die Mitgliederzahlen im Schweizerischen Schützenverein – heute Schweizer Schiesssportverband – 1986 noch bei 588’401 stehend, sank in der Folge auf 229’371 (1997) und bis 2009 auf 149’977. Seit dem Mittelalter spielte der Wettkampf beim Schiessen, selbst wenn dies militärisch geprägt war, eine Rolle. Doch erst als es 1896 zur olympischen Disziplin erhoben und 1907 die internationale Schützenunion (seit 1998 International Shooting Sport Federation) gegründet wurde, trennten sich das militärische und das sportliche Schiessen zunehmend.

Höngg, 1540 bis 1888

Gewehre, damals noch «Büchsen» genannt, tauchten in Höngg bereits 1540 auf, jedenfalls wurde anno dazumal erstmals ein Büchsenschütze schriftlich erwähnt. Doch er blieb scheinbar 32 Jahre alleine, bis erstmals 1572 deren zwei genannt werden. Erst 1697 erwähnt und 1705 auf einem Plan eingezeichnet ist ein erstes Schützenhaus «oben am kleinen Gsteig». «Die Schützengesellschaft zählte damals an die 200 Schützen», erwähnt die Ortsgeschichte Höngg, und fügt an: «Wenn man nicht an Zuzug von auswärts denken will, machte also die ganze männliche Bevölkerung mit». Vermutlich bis 1798 wurde «oben am kleinen Gsteig» geschossen, auf dem Gelände der heutigen Liegenschaft Gsteigstrasse 73. Danach sind die Quellen mager: Wo in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in Höngg geschossen wurde, ist unbekannt. Erst 1832 ist nachzulesen, dass die Gemeinde Höngg verfügte: «1833 soll auf der Allmend ein Schützenhaus gebaut werden». Offensichtlich verzögerte sich dieser Bau, denn noch 1838 ermahnte der «Commandant des Schiessstandes Höngg, Hauptmann Meister», die Gemeinde, das Gras auf der Allmend zu schneiden, da die Übungen der Scharfschützen anständen. Die Ortsgeschichte kann aufgrund der Quellenlage nur vermuten, dass dies nur ein offener Stand war, also kein eigentliches Haus. Der 1833 angekündigte feste Bau jedenfalls wurde, warum auch immer, erst 1843 abgenommen. Auf der Karte von J. Wild (ca. 1850) ist das Haus eingezeichnet: Es stand, aus heutiger Sicht betrachtet, hinter dem Friedhof Hönggerberg an der Kappenbühlstrasse. Geschossen wurde nicht wie heute westwärts, sondern nordwärts in Richtung Affoltern, direkt in eine dafür angelegte Waldschneise, die auf der Wild-Karte gut erkennbar ist (siehe Bild). Der Scheibenwall befand sich in den «Lehmgruben», zwischen Holderbachweg und Hungerbergstrasse im Bereich des heutigen Lehmgrubenwegs.

Kugeln bis auf Affoltener-Boden

Ab 1869 wurde in der Schweiz das Vetterli-Gewehr eingeführt. Es zeichnete sich durch eine gestrecktere Flugbahn der Kugeln aus – was in Höngg zum Ende des Schützenhauses führte. Die Ortsgeschichte berichtet, dass sich im Spätsommer 1874 ein Maurer aus Affoltern, dessen Haus oben am dortigen Waldrand stand, beschwerte, dass zwei Kugeln des «Grümpelschiessens» auf dem Hönggerberg bis in sein Haus gedrungen seien, «eine in die Stube, hart an seiner Frau vorbei». Am Ostermontag 1875 wiederholte sich dies, diesmal mit zehn Kugeln, «er und seine Familie seien des Lebens nicht mehr sicher», beklagte sich der Maurer. Das Stadthalteramt Zürich wies Höngg noch im selben Jahr an, dem Schützenverein das Schiessen in diese Richtung zu verbieten – der neue, zunächst offene Stand und kein eigentliches Gebäude, kam an die Stelle des heutigen Schützenhauses zu stehen und seither wird westwärts geschossen. Im August 1888 konnte das neue Schützenhaus eingeweiht werden.

Die einzelnen Höngger Vereine

Was in Aarau 1824 seinen Anfang genommen hatte, zeitigte auch in Höngg Wirkung: Diverse Schützenvereine wurden gegründet. Erstmals ist 1843 eine «Schützengenossenschaft Höngg» bekannt, allerdings nur, weil der «kantonale Kriegsrat» ihr erlaubte, Geld für den Bau des oben erwähnten Schützenhauses aus dem Schützenfond zu entnehmen.
Mehr weiss man über den Feldschützenverein Höngg (FSV). Er wurde im März 1864 gegründet, wie die 14. Mitteilungen der Ortsgeschichtlichen Kommission des VVH berichtet. Bereits Ende Jahr zählte man 52 Mitglieder, wobei einige auch aus Wipkingen und sogar Weiningen stammten. Geschossen wurde damals stehend auf Distanzen zwischen 150 und 450 Metern. Fünf bis sechs Übungen wurden jährlich abgehalten und das Jahr mit einem Endschiessen abgeschlossen. Im ersten Jahr nach der Gründung des FSV wurden 3640 Patronen verschossen.
Am 19. Juli 1870 erklärte Frankreich Preussen den Krieg – und in der Schweiz wurde kaum mehr geschossen, denn ein grosser Teil der aktiven Feldschützen sei mit der Scharfschützenkompanie zum Grenzschutz eingerückt. Im Kleinbasler «Café Spitz», so erzählen die Mitteilungen, hätten die Höngger ihr Stammquartier gehabt, und dort sei es «recht fröhlich» zu und hergegangen. Wahrscheinlich aber nur acht Wochen, denn dann wurden die Höngger Schützen wieder abgezogen, weil sich die Schlachten der Franzosen und Preussen fern der Schweizer Grenze zutrugen. Auch 1914, gleich zu Beginn des 1. Weltkrieges, wurden 38 Mitglieder der Feldschützen Höngg zum Wehrdienst eingezogen. Die Schützentätigkeit auf Vereinsebene blieb während den Kriegsjahren stark eingeschränkt. Im Herbst 1918 wurde das Schiessen auf dem Hönggerberg sogar ganz eingestellt: Die Grippewelle, die schweizweit 20’000 Opfer forderte, hatte auch die Reihen der Höngger Feldschützen um 30 gelichtet.

Infanterieschützenverein Limmattal

1869 wurde der «Infanterieschützenverein Limmattal» gegründet, dem Schützen aus Höngg, Altstetten und Albisrieden angehörten. Geschossen wurde zuerst in Altstetten. Doch dann nahm die Zahl der Mitglieder aus Höngg – viele waren davor Mitglieder beim FSV – derart zu, dass man das Schiessen nach Höngg verlegte. Im Juni 1876 beschloss man die Umbenennung in «Militärschützenverein Höngg» (MSV), dies, weil mittlerweile nur noch ein Schütze aus Altstetten und zwei aus Albisrieden mittaten, der Rest waren alles Höngger.
1874 wurde vom Bund die allgemeine Schiesspflicht eingeführt. In den Folgejahren wuchs die Zahl der Mitglieder im Verein so stark, dass man zwei Kategorien einführte, eine «Kampf- und Festgruppe» und eine mit «Pflichtschützen». Entlang dieser Trennungslinien teilte sich bereits 1908 auch der MSV auf, insbesondere weil Pflichtschützen, die meist nur das obligatorische Bundesprogramm absolvierten und entsprechend wenig Routine vorwiesen, die Schiessresultate des Vereins an Schützenfesten drückten. Im Stammverein verblieb nur, wer sein Können nach einem genauen Schiessprogramm beweisen konnte, in den neugegründeten «Schiessverein Höngg» kam, wer «nicht schiesstüchtig genug war». Das klingt härter als es war, denn die Trennung der Vereine galt in erster Linie gegen aussen: Man blieb bis 1921 mit einem Freundschaftsvertrag verbunden und kümmerte sich weiterhin gemeinsam um den Schiessbetrieb auf dem Hönggerberg.

Arbeiterschiessverein Höngg-Wipkingen

1928 lösten sich einige Mitglieder vom Schiessverein Höngg. Die Arbeiterbewegung hatte an Schwung gewonnen und die schiesspflichtigen Arbeiter wollten einen eigenen Schiessverein gründen, den Arbeiterschiessverein Höngg-Wipkingen. 1950 zählte der Verein über 1000 Mitglieder, mehrheitlich aus Wipkingen, und kümmerte sich ausschliesslich um die Durchführung des obligatorischen Bundesprogrammes.

Fusion zu den Standschützen Höngg

Bereits 1908 hatte man über einen Zusammenschluss des Feldschütz- und des Militärschützenvereins nachgedacht. Auch, um bei Wettkampfschiessen nicht die guten Kräfte zu verzetteln. 1931, die Eingemeindung Hönggs durch die Stadt Zürich stand «drohend» am Horizont, sann man erneut darüber nach. Was die Feldschützen in diesem Jahr noch ablehnten, wurde im November 1932 dann doch wahr: Die beiden Vereine fusionierten zu einem, den «Standschützen Höngg».

Schiessplatz-Genossenschaft Höngg

Als sich die Stadt Zürich Ende der 1920er-Jahre immer mehr ausdehnte und Gemeinde um Gemeinde ihre Selbstständigkeit aufgaben, witterten die Höngger Schützen Gefahr für ihre Schiessanlage, die sie erst 1911 an die Gemeinde Höngg verkauft hatten – nun würde sie automatisch in den Besitz der Stadt übergehen. 1930 gelangten die Vereine deshalb an den Höngger Gemeinderat, um zu sondieren, unter welchen Bedingungen sie die Schiessanlage zurückkaufen könnten. Im entsprechenden Antrag ist als Begründung zu lesen, dass «In der Anlage sehr viel Arbeit und finanzielle Opfer der Schützen liegen» und «mit dem Übergang wäre für die Zukunft eine viel stärkere Benützung des Platzes zu erwarten, da es der Stadt nachher freistehen würde, beliebig viele Vereine zur Ausübung ihrer Schiesspflicht dem Schiessplatz Höngg zuzuweisen. Es würde dies die Spaziergänger in vermehrtem Masse belästigen sowie auch die Bebauung des Gartenlandes auf der Allmend neben dem Schiessplatz erschweren».
Die Gemeinde Höngg stimmte dem Ansinnen zu und die Vereine schlossen sich 1930 zur Schiessplatz-Genossenschaft Höngg zusammen, um als Käufer auftreten zu können. Am 28. November 1930 verkaufte der Gemeinderat Höngg der Genossenschaft das Areal – Schützenhaus, Scheibenstand und Umgelände – am 14. Januar 1931 ratifizierte die Gemeindeversammlung den Vertrag, und am 16. Juni 1931 wurde der Kauf für 8000 Franken notariell beglaubigt. Bis heute sind die Besitzverhältnisse unverändert.

Quellen:
Historisches Lexikon der Schweiz, http://mobile.hls-dhs-dss.ch
R. Stahel, Mitteilungen 14 der ortsgeschichtlichen Kommission des VVH, 1950, vergriffen.
Sibler, Georg: Ortsgeschichte Höngg. Hrsg. Ortsgeschichtliche Kommission des Verschönerungsvereins, 1998, erhältlich im Infozentrum des «Hönggers» am Meierhofplatz 2.

* Die Freischarenzüge waren zwei gescheiterte antiklerikale Umsturzversuche in der Schweiz in den Jahren 1844 und 1845. Ziel der radikal-liberalen Aufständischen war es, die konservative Regierung des Kantons Luzern zu stürzen und die Jesuiten zu vertreiben. Die Aufstände hatten die Gründung des Sonderbundes zur Folge und waren Auslöser des Sonderbundskriegs. (Quelle: Wikipedia)

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