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Dorfleben

Besuch des Altmeisters

29. März 2017 von

Foto: Dagmar Schräder

Toni Vescoli erzählt aus seinem Leben.

Von

Online seit
29. März 2017

Printausgabe vom
30. März 2017
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Seit 55 Jahren steht Toni Vescoli auf der Bühne und unterhält das Publikum mit seiner Musik. Am Sonntag, 19. März, tat er dies im Rahmen des «Forum Höngg» endlich wieder einmal in Höngg. Die Zuhörerinnen und Zuhörer im Saal des Restaurants Desperado waren begeistert.

Zugegeben, die Haare sind etwas weisser geworden und im Gesicht trägt er ein paar Falten mehr als früher. Ansonsten aber sieht man Toni Vescoli sein Alter kaum an. Frisch wie eh und je, die langen Haare zum Pferdeschwanz zusammengebunden, betrat der bald 75-Jährige an jenem Sonntag die Bühne – beziehungsweise den Teil des Saals, der normalerweise für Auftritte vorgesehen ist, die Hebebühne streikte nämlich just an diesem Abend und blieb im Boden versunken – und begann seine musikalische Lesung.

Mit Vescoli durch die Musikgeschichte 

«MacheWasiwill» heisst das aktuelle Programm Vescolis, das gleich mit einem rockigen Klassiker begann: «Bourbon street», einer der schweizerdeutschen Hits Vescolis. Nach dieser musikalischen Einstimmung wechselte Vescoli zur anderen Seite der Bühne, dort, wo ein kleines Pult und ein Stuhl aufgebaut waren und begann, in kurzen Anekdoten, ergänzt durch kleine vorgelesene Ausschnitte aus seinem Buch und illustriert durch Bilder, aus eben dieser Autobiographie, aus seinem Leben zu erzählen. Das Publikum folgte seinen kurzweiligen und ebenso amüsanten wie aufschlussreichen Erzählungen mit grossem Interesse und erhielt so zugleich einen Einblick in die Geschichte der Populärmusik der letzten rund 50 Jahre. In seinen Ausführungen liess er das Publikum an seiner buchstäblich bewegten Kindheit teilhaben, die er nicht nur in der Deutschschweiz und im Tessin, sondern während einiger Jahre mit seiner Familie auch in Peru verbrachte. Nach der Rückkehr nach Europa als Teenager fand Vescoli zur Musik und begann, Gitarre zu spielen, «und zwar hauptsächlich deswegen, weil auch mein Bruder Gitarre spielte und das bei den Mädels irgendwie immer gut ankam». Schnell entdeckte er in der Folge nach anfänglichen Lektionen in klassischer Musik die Faszination für die neuartige Form von Musik, wie sie Elvis machte und wandte sich hilfesuchend an seine Gitarrenlehrer mit der Bitte, sie sollten ihn lehren, solche Musik zu machen. Ein derartiges «Teufelszeug», wie sie es nannten, wollte ihm jedoch niemand beibringen, so dass er zum Autodidakt werden musste.

Mit «Les Sauterelles» zum musikalischen Erfolg

Bald begann er, in seiner Freizeit in Bars und Restaurants der Stadt Zürich zu spielen und verdiente sich so sein erstes, eigenes Geld als Sänger und Songwriter. «Ich bekam damals jeweils zehn Franken Gage für einen Nachmittag im <Schwarzen Ring>, einer berüchtigten Musikkneipe in der Stadt Zürich. Das war für meine Verhältnisse eine super Gage», erinnerte er sich schmunzelnd. Musikalisch orientierte er sich stark am Rock`n`Roll und war einer der ersten Schweizer Musiker, die diese Strömung übernahmen. Insgeheim träumte er davon, sein Hobby zum Beruf zu machen, musste jedoch seinem strengen Vater zuliebe erst die Lehre zum Hochbauzeichner beenden. 1962, im Alter von 20 Jahren, gründete er schliesslich mit ein paar Bekannten seine erste Band. «Les Sauterelles», zu Deutsch «die Grasshüpfer», erlangten in den folgenden Jahren unter dem Übernamen «Swiss Beatles» nicht nur in der Schweiz, sondern auch im benachbarten Ausland, vor allem Italien, einen hohen Bekanntheitsgrad. Eine intensive Zeit muss diese Bandzeit gewesen sein, spielten «Les Sauterelles» doch zumindest in der Anfangsphase bis zu 350 Konzerte pro Jahr. Nach Höhen und Tiefen und mehreren Wechseln in der Besetzung der Band löste sich diese schliesslich 1970 auf, da ein Einkommen als Profimusiker aufgrund der Veränderungen auf dem Musikmarkt nicht mehr möglich schien. Es folgten Zusammenarbeiten mit anderen Musikern in verschiedenen Formationen sowie der Start einer erfolgreichen Solokarriere, aus der vor allem die Mundartlieder wie «N1», «es Pfäffli», «Scho Root» oder «Susann» bekannt sind. Zwischenzeitlich landete Vescoli in den 80er-Jahren gar als Moderator und Redakteur beim Fernsehen und fungierte als Erzähler für die Hörspielfassungen der «Pingu»-Geschichten, bevor er sich wieder ausschliesslich der Musik widmete.

Auch akustisch immer in Bewegung

Natürlich illustrierte Vescoli jeden Abschnitt seiner Biographie nicht nur mit Bildmaterial, sondern auch mit den passenden akustischen Beispielen und bewies hier sowohl an den sechs verschiedenen Gitarren und an der Mundharmonika, als auch als Sänger seine Virtuosität. Gekonnt wanderte er musikalisch durch die unterschiedlichen Epochen und Stilrichtungen und machte deutlich, dass er sich in den verschiedensten Genres zuhause fühlt – vom Rock´n´Roll über Rock, Soul, Blues und Folk bis hin zur Volksmusik ist ihm nichts fremd. Vielmehr ist Vescoli einer, der «nie allzu lange dasselbe machen kann, das wird ja langweilig», wie er es ausdrückte. Wahrscheinlich macht genau das seine Jugendhaftigkeit aus: Die Tatsache, dass er immer bereit ist, sich weiterzuentwickeln und nie auf einem Punkt verharrt, sich dennoch dabei aber stets treu geblieben ist. So ist er heute aktiv wie eh und je und tourt – mit einer zugegebenermassen etwas geringeren Auftrittsfrequenz als noch zu seinen Anfangszeiten – mit den 1996 wiedervereinigten «Les Sauterelles» ebenso durch die Lande wie mit seinen anderen Formationen und dem «Machewasiwill»-Soloprogramm.

Ein Vollblutmusiker, der kaum zu stoppen ist

Beim Höngger Publikum kam dies äusserst gut an. Textsicher sang es vor allem bei den schweizerdeutschen Hits mit und belohnte Vescolis Darbietungen mit begeistertem Applaus. Vescoli seinerseits schien den Abend ebenfalls zu geniessen, machte er doch nach den angekündigten eineinhalb Stunden noch lange keine Anstalten, seine Lesung zu beenden. Mehr als eine Stunde lang unterhielt er sein Publikum weiter, fragte nur kurz in die Runde «händer no Ziit?» und gab dann weitere Vescoli-Hits zum Besten. Das Leben als Vollblutmusiker macht ihm ganz offensichtlich auch nach 55 Jahren auf der Bühne noch grossen Spass.

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