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Begegnung mit einer Angekommenen

11. April 2018 von

Foto: zvg

Elvan Göktas liest in der Pfarrei Heilig Geist in Höngg aus ihrem Buch "Als stünde es auf meiner Stirn geschrieben".

Von

Online seit
11. April 2018

Printausgabe vom
29. März 2018
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Vor fast 30 Jahren musste Elvan Göktas, damals elf Jahre alt, mit ihrer Familie aus der Türkei fliehen. Sie hat die Flucht und Ankunft in der Schweiz in ihrem Roman «Als stünde es auf meiner Stirn geschrieben» verarbeitet. Am Freitag, 13. April, liest sie im Pfarreizentrum Heilig Geist. Ein Abend für Begegnung und orientalisches Essen. Der «Höngger» hat die Autorin zu einem Gespräch getroffen.

Selbst-, beziehungsweise Fremdbestimmtheit ist ein wichtiges Thema in Ihrem Buch. Haben Sie die Fremdbestimmtheit bereits als Kind so stark empfunden?

Im Kindesalter liegen die Ursprünge, doch damals habe ich die Fremdbestimmung nur unterschwellig wahrgenommen. Erst im erwachsenen Alter wurde mir bewusst, dass sie uns im Alltag immer wieder stark beeinflusst. Die Selbstbestimmung zu erlangen, war ein sehr langer Lebensprozess. Diese habe ich erst mit meinem Entschluss erreicht, «eine von hier» zu werden.

Ihre Eltern waren mit 28 noch sehr jung, als sie in die Schweiz kamen. Sie beschreiben, dass ihre «Knospe nie zum Blühen kam». Was hätte geschehen müssen, damit dies anders verlaufen wäre?

Der Schock, das eigene Land verlassen zu müssen, lag tief in ihren Herzen. Der unbekannte Lebensweg als Asylsuchende bestimmte fortan ihr Wesen. Es verunmöglichte ihnen, im neuen Land aufzublühen. Das Erlernen der Landessprache in einem fremden Land ist eine Voraussetzung, um sich in der Gesellschaft dazugehörig zu fühlen. Wird dies negiert, entsteht über die Jahre hinweg eine Abgrenzung. Viele Asylsuchende empfinden eine grosse schmerzhafte Blockade – den Verlust ihrer Heimat – diese können sie kaum überwinden. Um diesen Zustand der Abgrenzung und Fremdbestimmung zu überwinden, braucht es sehr viel Kraft. Erst ihre Kinder sind in der Lage aufzublühen. Der soziale Austausch im Alltag mit der einheimischen Bevölkerung ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Integration, was ihnen aber leider oft verwehrt bleibt.

Und wie ist es mit Ihren Geschwistern und Ihnen selber: Konnten Sie Wurzeln schlagen und sich so entfalten, wie es Ihr Wunsch war?

Der Wunsch in erster Linie war nicht wichtig, sondern wie wir mit unseren begrenzten Möglichkeiten umgingen war ausschlaggebend. Sowohl meine Geschwister und ich durften und konnten in der Schweiz Wurzeln schlagen und zur Freude ist die Schweiz zu unserer Heimat geworden.

Sie schreiben, dass Sie gerne studiert hätten, das blieb Ihnen aber verwehrt.

Es war mir bis zum heutigem Zeitpunkt nicht möglich, diesen Traum zu verwirklichen. In jungen Jahren wurde ich Mutter, bald darauf alleinerziehend. Meine Liebe und Aufmerksamkeit gilt meinem Sohn und unserer Existenzsicherung. In dieser Zeit war die Möglichkeit eines Studiums in ferner Sicht. Doch heute scheint mein Wunsch näher gerückt zu sein, um eines Tages auch diesen Traum zu verwirklichen.

Sie stammen ursprünglich aus einer reichen Familie, wurden dann in der Schweiz «arm» – Sie beschreiben auch, dass Sie kein Instrument lernen konnten, keine teuren Hobbies hatten, kein Studium machen durften, dies trifft auch auf ärmere Familien in der Schweiz zu – war dies Ihre erste Begegnung mit Armut?

Wenn Sie von Armut sprechen, meinen Sie sicherlich materiellen Wohlstand. Ich rede in meinem Buch vor allem von seelischer Armut. Unsere Verarmung entstand primär in unseren Herzen und formte fortan unsere Gedanken und somit unsere Haltung. Sicherlich haben wir wegen knappen finanziellen Verhältnissen auf etliches verzichtet, was vielen Familien, die am Existenzminimum leben, bekannt ist. Doch in der Schweiz hatten wir, was zum Leben notwendig war. Arm ist nicht der, dem das Geld fehlt, sondern der sich als arm empfindet.

Ihre erste Begegnung mit Schweizern schildern Sie als kalt bis offen fremdenfeindlich. Auch nach Ihrer Einbürgerung behandelte man Sie oft als nicht dazugehörend. Bleibt da ein Gram zurück, eine Wut dieser ungerechten Behandlung gegenüber?

Damals wirkte die Schweizer Bevölkerung auf mich kalt und eher zurückhaltend. Ich verstand nicht, warum man so unzugänglich sein konnte, denn ich kannte es anders. Mittlerweile schätze ich es sehr, dass ich in einer Gesellschaft leben darf, die einen hohen Wert auf Diskretion legt und somit am Anfang eher zurückhaltend ist. Aber wenn man sich bemüht, mit den Menschen in Kontakt zu treten, entsteht mit der Zeit eine tiefe Freundschaft und sie sind für einen da. Erst dann lernt man das andere Gesicht der Schweizer Bevölkerung kennen. Meine Freunde sind Menschen, auf die ich ohne Wenn und Aber zählen darf. Von Wut kann absolut nicht die Rede sein. Mein Fokus liegt auf dem Verbindenden und nicht auf dem Trennenden. Es gab und wird sie immer geben, Menschen, die das Fremde und das Unbekannte ablehnen.

Wie haben Sie gelernt, mit den erfahrenen Demütigungen umzugehen?

Seit jeher hat mich die Frage beschäftigt, warum wir Menschen so sind, wie wir sind und warum wir auf das Fremde so ablehnend reagieren. Vielfach ist die Angst die Ursache unserer Handlungen und der gesprochenen verletzenden Worte. Dem entgegengesetzt liegen Wohlwollen und Vertrauen. Die Demütigungen habe ich mit der folgenden Erkenntnis beiseitegelegt: Wir alle sind unabhängig von unserer Herkunft unter dem gleichen Himmel geboren. Wir haben uns weder unseren Geburtsort noch unsere Eltern ausgesucht. Dieses Bewusstsein änderte mein Weltbild und heilte mit der Zeit meine seelischen Wunden.

Ist es möglich, das Gefühl der Scham zu überwinden?

Ja, es ist möglich das Gefühl der Scham zu überwinden. In dem ich mich oute: «Ich laufe rot an!» gebe ich offenkundig zu, dass ich mich schäme. Indem ich es ausspreche, ist meine Rötung nicht mehr eine erdrückende Tatsache, sondern eine emotionale Gegebenheit.

Sie schreiben, dass Sie «beschlossen, eine von hier zu werden»: Ist es also ein Willensakt? Was sind Ihrer Meinung nach die Voraussetzungen von beiden Seiten, damit es gelingt, dass sich Migrantinnen und Migranten hier wohl fühlen, verwirklichen können?

Bei mir war es eine Willens- und Herzenssache. Ich würde eher von Wohlfühlen als von Verwirklichung reden. Das Erlernen der Sprache ist das Wichtigste bei Integrationsbemühungen. Aber es reicht nicht aus. Wenn die Asylsuchenden die Möglichkeit erhalten, sich am sozialen Alltag der Gesellschaft zu beteiligen, entsteht ein Austausch. Dieser Austausch ermöglicht beiden Parteien das fremde Gegenüber kennenzulernen. Die Vorurteile rücken dann meistens in den Hintergrund und wir sehen den Menschen hinter der Fassade. Für eine gelungene Integration braucht es zwei Agierende, nur der Wille alleine reicht dafür nicht aus.

Was gab vor sieben Jahren den Ausschlag dafür, dass Sie sich genau von diesem Moment an der Gesellschaft zugehörig fühlten?

Vor allem die emotionalen Schmerzen haben mich zu dieser unumgänglichen Richtungsänderung bewogen. Ich war schon immer bemüht, eine von hier zu werden. Aber es gelang mir anfangs nie. Die Realität, eine Ausländerin zu sein, holte mich immer wieder ein. So beschloss ich eines Tages, zu dieser Gesellschaft dazu zu gehören, dieser bewusste Entschluss war der Anfang. Später verstand ich es noch besser, denn ich lebte es von nun an. Ich selbst habe meine Haltung geändert und somit wurde die Entscheidung zu meiner Realität.

Sie schreiben, die Schweiz ist Ihre Heimat geworden, was macht es aus?

Wenn man einen Baum aus seinem Ursprungsboden umgräbt, um ihn in einem anderen Kulturboden einzupflanzen, so verliert dieser Baum zuerst einige Blätter, sogar manche Äste trocknen möglicherweise aus. Aber wenn der neue Boden und die Umgebung es zulassen, wenn wir diesen Baum in diesem fremden Boden pflegen, wird dieser Baum seine Wurzeln einschlagen und zu einem prächtigen Baum heranwachsen. Das ist Heimat für mich. Meine Wurzeln sind in der Schweiz gewachsen und der Schöpfung sei Dank ist sie meine Heimat geworden.

Was wünschen Sie sich für andere Asylsuchende und Angekommene?

Es ist vielleicht nur ein Tropfen auf den heissen Stein, aber ich versuche zu tun, was in meiner Macht steht. Im meiner Arbeit bemühe ich mich, den Asylsuchenden im Hier und Jetzt zu begegnen. Zusätzlich habe ich mich entschieden, einen Teil der Einnahmen durch den Verkauf dieses Buches der Internationalen Organisation für Migration (IOM) mit dem Hauptsitz in Genf zukommen zu lassen. Diese UNO-Organisation unterstützt Menschen bei der freiwilligen Rückkehr und ihrer Reintegration durch die Umsetzung von individuellen Berufsprojekten in ihre Herkunftsländer unmittelbar nach der Ankunft.

Vielen Dank für dieses spannende Gespräch.

Pfarreizentrum Heilig Geist. Gespräch und Lesung, orientalisches Abendessen. Mit Elvan Göktas, Autorin des Romans «Als stünde es auf meiner Stirn geschrieben». Freitag, 13. April, 18.30 bis 21.15 Uhr.

Das Buch ist im Buchhandel erhältlich oder kann auch direkt beim Verlag portofrei bestellt werden. «Als stünde es auf meiner Stirn geschrieben. Die Geschichte einer Flucht», db-Verlag, Luzern 2017.
144 Seiten, mit Illustrationen von Irene Naef. Fr. 32.80 / ISBN 978-3-905388-49-7 / www.db-verlag.ch / info@db-verlag.ch

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