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Armut

Wenn 2247 Franken im Monat reichen müssen

16. Mai 2018 von

Foto: Symbolbild: pas

Auch in der Schweiz gibt es Menschen, die jeden Franken zweimal umdrehen müssen.

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Online seit
16. Mai 2018

Printausgabe vom
17. Mai 2018
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Es stimmt: In Höngg sieht man keine offensichtlich Armen, Bettler oder Obdachlose. Doch auch hier gibt es Menschen, die jeden Franken zweimal umdrehen müssen.

Im April hat das Bundesamt für Statistik (BfS) die Armutsquoten in der Schweiz veröffentlicht. Laut seinen Erhebungen waren im Jahr 2016 7,5 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung in Privathaushalten von Einkommensarmut betroffen. Das sind rund 615‘000 Personen, die laut den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) unter dem Existenzminimum leben. Das BfS ermittelte für das Jahr 2016 eine Armutsgrenze von 2247 Franken pro Monat für eine Einzelperson und 3981 Franken für zwei Erwachsene und zwei Kinder unter 14 Jahren. Die durchschnittliche Armutsgrenze liegt gemäss SKOS bei 2600 Franken für eine Einzelperson. Abzüglich Miete und Krankenkassenprämie bleiben noch 986 Franken, für eine Familie mit zwei Kindern 2110 Franken. Davon müssen Essen, Kleider, Kommunikation, Mobilität, Gesundheitspflege, Bildung, Vereinsmitgliedschaften und Hobbies bezahlt werden.

Arm trotz Arbeit

Als armutsgefährdet gelten Personen, die weniger als 60 Prozent des medianen Einkommens verdienen. Neben der prekären finanziellen Situation, die dazu führt, dass eine unerwartete Zahnarztrechnung die betroffenen Personen bereits in eine Notlage bringt, sind sie auch dem Risiko des sozialen Ausschlusses ausgesetzt, weil sie an vielen Aktivitäten nicht teilnehmen können. Rechnet man diese Gruppe mit, so informiert Caritas Schweiz, sind rund 1,2 Millionen Menschen in der Schweiz armutsbetroffen oder -gefährdet. Zur Erinnerung: Zurzeit leben insgesamt 8,32 Millionen Menschen im Land. Darunter sind rund 140’000 sogenannte «Working Poors», die trotz Anstellung von mindestens 36 Stunden das Existenzminimum nicht erreichen. Es handelt sich dabei meist um Personen, die Teilzeit, saisonal oder befristet angestellt, selbstständigerwerbend oder in kleinen Betrieben tätig sind.
Das Bundesamt für Statistik hat erstmals auch untersucht, wie lange einzelne Personen von Armut betroffen sind und erhob dafür während vier Jahren Daten. Zwischen 2013 und 2016 wurde jede achte Person mindestens in einem Jahr als arm bewertet, dies entspricht 12,3 Prozent. Die meisten Betroffenen gelangten aber rasch wieder über die Armutsgrenze. Während des gesamten Erhebungszeitraums von Armut betroffen waren gemäss BfS lediglich 0,9 Prozent der Stichprobe von 17’000 Menschen.

Dunkelziffer beträgt 30 bis 50 Prozent

Für den Kanton Zürich gibt es keine offizielle Armutsstatistik. 2016 bezogen aber 115’000 Personen (7,9 Prozent) Unterstützung in Form von Sozialhilfe, Ergänzungsleistungen, Alimentenbevorschussung und Kleinkinderbetreuungsbeiträge. Die letzten Erhebungen für die Stadt Zürich sind aus dem Jahre 2015. Damals waren rund 20’000 Menschen bei der Sozialhilfe gemeldet, dies entspricht etwa fünf Prozent der Bevölkerung. Die grosse Mehrheit davon war alleinstehend oder alleinerziehend mit Kindern. Dazu kommen rund 15’500 Personen, die AHV-Zusatzleistungen beziehen mussten, um die minimalen Lebenserhaltungskosten decken zu können. Caritas schätzt die Dunkelziffer von Personen, die aus Scham, Stolz oder auch aus Angst, ihre Aufenthaltsgenehmigung zu gefährden, keine Sozialhilfe beanspruchen, auf 30 bis 50 Prozent. Manchmal wohl auch aus Unwissenheit: Das illustriert eine Geschichte, die sich unlängst im Infozentrum des «Höngger» zutrug: Im Gespräch erwähnte eine ältere Dame nebenbei, dass sie sehr auf ihre Ausgaben achten müsse, weil AHV und Pensionskasse sonst nicht reichen würden. Angesprochen, ob sie denn keine Ergänzungsleistungen beziehe, blickte sie nur fragend. Es zeigte sich, dass ihr nicht bewusst war, dass sie Hilfe beanspruchen konnte. Der «Höngger» gab ihr entsprechende Adressen und ein paar Wochen später bedankte sich die Dame: Hätte sie doch nur früher von diesen Leistungen gewusst und sie auch beansprucht, wie viel leichter wäre es ihr doch ergangen.

Repräsentative Zahlen sind schwierig zu finden

Der Tages-Anzeiger hat basierend auf die Zahlen der bei der Sozialhilfe gemeldeten Personen eine Infografik erstellt, aus der hervorgeht, dass 2015 in Höngg 461 Menschen oder 2,2 Prozent der Bevölkerung Sozialhilfe bezogen. Um die «relative Armut» zu ermitteln, die Menschen betrifft, die weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens erhalten, wurden deshalb die Steuerdaten konsultiert. Daraus ergab sich, dass 2014 in Höngg 1863 Ledige und 366 Ehepaare in relativer Armut lebten. Diese Berechnungen sind nicht makellos, weil einerseits Konkubinate nicht als solche erfasst werden und freiwillig gewähltes geringes Einkommen, wie es Studierende oft haben, nicht als solches deklariert wird. Ausserdem sind die Zahlen der quellenbesteuerten Ausländer ohne Niederlassungsbewilligung nicht in die Statistik eingeflossen. So zeigt sich in der Recherche zum Thema Armut Ähnliches, wie in der Realität: Man weiss, dass es sie gibt, doch sichtbar ist sie bei allen Zahlen irgendwie doch nicht. Als würden die Armutsbetroffenen Menschen, die oft aus Scham nie oder erst spät Hilfe beanspruchen, auch durch die Maschen der Statistiken und Erhebungen fallen. Hinzu kommen all jene, die zwar den Berechnungen der Ämter entsprechend als arm gelten, dies aber selbst nicht zwingend so wahrnehmen. Armut in der reichen Schweiz, in Höngg? Ein Thema mit vielen, oft gut maskierten Gesichtern.

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