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100 Jahre Schmid-Wörner-Stiftung Höngg

13. Juni 2018 von

Paul Zweifel trat nach 56 Jahren aus dem Stiftungsrat der Schmid-Wörner-Stiftung Höngg zurück und übergab das Präsidium an Bruno Dohner (rechts).
Foto: Fredy Haffner

Paul Zweifel trat nach 56 Jahren aus dem Stiftungsrat der Schmid-Wörner-Stiftung Höngg zurück und übergab das Präsidium an Bruno Dohner (rechts).

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13. Juni 2018

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Wie der «Höngger» vom 31. Mai aufzeigte, war die Armenfürsorge lange in kirchlicher oder privater Hand. Dabei spielten Spenden grosszügiger Höngger eine wichtige Rolle. Einer von ihnen war Jakob Albert Schmid-Wörner, der in seinem Vermächtnis 1917 die stolze Summe von 150'000 Franken einer neuen Stiftung vermachte.

Jakob Albert Schmid-Wörner (1847-1917), ein gebürtiger Höngger, war in Ägypten als Kaufmann reich geworden. Als er verwitwet und kinderlos verstarb, vermachte er in seinem Testament der Bürgergemeinde Höngg ein Legat von 150’000 Franken, das als Schmid-Wörner-Stiftung Höngg zu verwalten und zu verwenden sei. Als Zweck bestimmte er: «Die Stiftung soll zugunsten von armen bedürftigen Bürgern und Bürgerinnen der Gemeinde Höngg verwendet werden, zur Unterstützung deren Kindern zur Erlernung eines Handwerks, oder zum Besuch von Fach- und Mittelschulen». Dazu ist anzumerken, dass es bis Anfang des 20. Jahrhunderts noch üblich war, dass ein Lehrling keinen Lohn erhielt, sondern im Gegenteil für seine Ausbildung etwas bezahlen musste, das heute noch sprichwörtliche «Lehrgeld». Der Stifter ordnete an, die Verwaltung des Kapitals solle durch seinen einstigen Nachbarn und Schulkamerad Rudolf Nötzli (1848-1936) und durch Paul Zweifel (1872-1923), seit 1900 Gemeindepräsident von Höngg, besorgt werden. Als dritter Stiftungsrat amtete der Präsident der damaligen Höngger Armenpflege, Reinhold Frei (1881-1960). Bei Vakanzen wählte bis 1933 der Höngger Gemeinderat die Nachfolger, nach der Eingemeindung 1934 die Stadt Zürich.

Der Zeit angepasster Stiftungszweck

Die Zweckbestimmung nach dem Testament des Stifters erscheint heute längst veraltet, da die Ortsbürgerschaft ihre Bedeutung weitgehend verloren hat. Es ist aber zu bedenken, dass im Kanton Zürich bis 1928 die Bürgergemeinde zuständig war für die «Armen-Fürsorge» und erst seither die Wohngemeinde. Nach Konstituierung der Schmid-Wörner-Stiftung Höngg (1918) gab es noch lange Jahre bedürftige Bürger der Gemeinde Höngg, die jedoch meistens an anderen Orten wohnten. Die letzten derartigen Bezüger von Unterstützungen der Schmid-Wörner-Stiftung Höngg sind erst zwischen 1990 und 2000 verstorben.

Doch bereits 1988 wurde der Stiftungszweck der Zeit angepasst und neu formuliert: «Das Stiftungsvermögen ist zu verwenden zu Gunsten von:
a) armen bedürftigen Bürgern und Bürgerinnen der ehemaligen Gemeinde Höngg
b) alten bedürftigen Personen, die seit mindestens zehn Jahren im Quartier Höngg wohnen
c) Kindern, deren Eltern seit mindestens zehn Jahren im Quartier Höngg wohnen, zur Erlernung eines Handwerks oder zum Besuch von Fach- und Mittelschulen
d) gemeinnützigen Zwecken, zum Beispiel zu Gunsten der Jugendfürsorge oder Altersfürsorge».

Begünstigte und schwindende Zinserträge

Da die Anwendungsfälle für die ursprüngliche Zweckbestimmung verschwunden waren und alte Personen oder Kinder als Empfänger relativ selten auftauchten, rückten ab 1980 die Gaben an Institutionen immer mehr ins Zentrum. Neben einzelnen Beiträgen, zum Beispiel bei baulichen Erneuerungen von Heimen in Höngg, etablierte sich ein fixer «Spenden-Kanon» für Höngger Institutionen. Bedacht wurden die Altersheime Hauserstiftung, seit 1930 in Betrieb, und Riedhof, seit 1982 in Betrieb, mit je einem Beitrag für ihre jährlichen Ausflüge, und der Frauen¬verein Höngg erhielt Beiträge für die von ihm organisierte Altersweihnacht und die Kinderkrippe. So wurden zu Weihnachten jeweils viermal tausend Franken gespendet.

Doch die Veränderungen auf dem Kapitalmarkt mit rapidem Schwund der Zins-Einnahmen bedingten um das Jahr 2000 eine Reduktion der ausbezahlten Beträge. Als erste wurde die Kinderkrippe in der Liste gestrichen. Dies aus der Überlegung heraus, dass die wenigsten Eltern, die ihre Kinder in die Krippe bringen, «seit mindestens zehn Jahren in Höngg wohnen», wie einer der Stiftungszwecke lautet. Eine weitere Reduktion der Spenden-Empfänger ergab sich, als der Frauenverein Höngg 2015 mitteilte, er werde die Altersweihnacht nicht mehr durchführen, da in den letzten Jahren zu viele ähnliche Anlässe eingeführt worden seien. Wenn sich die Zinserträge des Stiftungsvermögens gelegentlich wieder vergrössern werden und wenn es in Zukunft gelingt, der Stiftung zum Beispiel aus Legaten zusätzliche Einnahmen zuzuführen, dann wird die Stiftung wieder Zuwendungen ausrichten können, die mehr als nur symbolischen Charakter haben.

Treue Stiftungsratsmitglieder

Ausserordentlich ist, dass im Laufe von hundert Jahren nur gerade zwölf Männer und zwei Frauen im Stiftungsrat mitgewirkt haben. Die längste Wirkungszeit dauerte 56 Jahre und endete nun am 28. März mit dem Rücktritt von Paul Zweifel, dem Enkel des 1923 Verstorbenen gleichen Namens. Paul Zweifel amtete von 1962 bis 1985 als Kassier und von 1985 bis 2018 als erst siebenter Präsident der Schmid-Wörner-Stiftung Höngg. An einer kleinen Feier am 8. Juni wurde so nicht nur der ersten 100 Jahre der Stiftung gedacht, sondern auch das lange Wirken von Paul Zweifel gewürdigt und verdankt.

Autor: Georg Sibler

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